Vorwort der Online-Ausgabe
ALD ist eine der seltensten
Krankheiten überhaupt. Deswegen existieren keine
populärwissenschaftliche Abhandlungen darüber, und schon
gar nicht in deutscher Sprache.
Dem versuchte ich nachzuhelfen,
indem ich für meine Biologie-Abschlussarbeit das
Thema
ALD auswählte. Aus
Speicherplatzgründen konnte ich Grafiken, Tabellen und Fotos
nicht
online laden.
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
- ALD, Was ist das?!
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1.0
Wissenschaftliche Betrachtung
1.1
Biochemische Grundlagen zur Störung des
Fettsäurestoffwechsels
1.1.1
Abbau von Fettsäuren
(Fettsäure-Beta-Oxidation)
1.1.2
Körpereigene Produktion von Fettsäuren
(Fettsäure-Biosynthese)
1.1.3
Einwirkungen des / in den Hormonhaushalt (Endokrine
Faktoren)
1.2
Genetische Grundlagen zu ALD
1.3
Folgen von ALD
1.3.1
Primäre Folgen von ALD - Meyelinschäden
1.3.2
sekundäre Folgen von ALD -Gehör- Seh-, Sprechstörungen
etc.
1.4
Lösungsansätze für die Heilung von
ALD
1.4.1
Knochenmarktransplantationen
1.4.2 Die Hoffnung naht ... -
Öl-/Erucasäuretherapie (Lorenzos Öl)
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2.0
Menschliche Betrachtung
2.1
Die Geschichte des Lorenzo Odone
2.2
Tertiäre Folgen von ALD
2.2.1 Emotionale
Probleme
2.2.2
Sozial-Familiäre Probleme
2.3
Das Problem mit seltenen Krankheiten
Vor genau einem Jahr sah ich im
Fernsehen einen Spielfilm über einen Jungen namens
Lorenzo
Odone, der an ALD litt. Lorenzos
Vater, ein ganz gewöhnlicher Mann, ging der wohl
seltensten
Krankheit auf den Grund, um zu
verstehen und womöglich, um Heilungschancen zu eruieren.
Der
Film liess mich nicht mehr los.
Immer wieder stöberte ich in Lexika und Internet-Seiten nach.
Doch Informationen gab es
fast keine. Ich beschloss, müsste ich mal eine Arbeit schreiben,
so wäre ALD mein Thema. Und nun bot sich mir die
Möglichkeit...
Es war für mich sicherlich
keine leichte Aufgabe, diese Arbeit zu schreiben. Erstens existiert
fast
keine Literatur über dieses
Thema, und wenn, dann ist diese in Englischer Sprache.
Zweitens
wissen die wenigen Wissenschaftler
und Mediziner, die wenigstens den Namen dieser Krankheit
kennen, noch fast nichts. Noch
immer sind viele Mechanismen um ALD unklar. Drittens
existieren
keine Texte, die ALD
vollständig beschreiben, nur einzelne Bruchstücke,
geschrieben von
Wissenschaftler in der ganzen
Welt, die sich womöglich nicht kannten. Demnach ist es
nicht
verwunderlich, dass sich einige
Aussagen widersprechen. Viertens wäre es von Nutzen
gewesen,
um diejenigen spärlichen
Dinge, die man mit Sicherheit weiss, zu verstehen, hätte man ein
breites
biologisches, chemisches und
medizinisches Wissen.
All diesen Schwierigkeiten zum
Trotz habe ich mich entschlossen an diese Arbeit
heranzumachen,
denn meiner Meinung nach ist die
Herausforderung, die ein solches Thema bringt, von grosser
Wichtigkeit. Ich wäre wohl
kaum zufrieden, hätte ich irgend ein Thema nachgekaut, dass
schon
Tausende vor mir bearbeitet
haben.
Auch wenn dies mit viel Arbeit
verbunden war, so bereue ich es nicht, diese Arbeit geschrieben
zu
haben, denn nun weiss ich endlich,
was sich hinter dem "Geheimnis ALD" verbirgt.
Einleitung - ALD, was ist das ?!
Bei ALD, der
Adrenoleukodystrophie, oder zu Deutsch der
Nebennierenentmarkungskrankheit,
handelt es sich um eine
peroxisomale Krankheit, d.h. eine Krankheit, die in den
Peroxisomen
(Organellen in der menschlichen
Zelle) zu tragen kommt.
Das Enzym, das die
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren (>C22) in den
Peroxisomen abbauen
sollte, ist defekt oder fehlt
ganz. Somit können die sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren (gesättigt,
weil sie nur Einfachbindungen
zwischen den C-Atomen besitzen), und die nur in den
Peroxisomen
abgebaut werden können, nicht
in ihre kleineren Spaltstücke zerlegt werden. Dadurch nimmt
der
Gehalt dieser
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren, insbesondere von C24
und C26, zu. Aus
welchem Grunde, diese
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren nur ausschliesslich
in den
Peroxisomen abgebaut werden
können, also die Beta-Oxidation durchlaufen, ist nicht bekannt.
Der
Defekt dieses Enzym (peroxisomale
sehrlangkettige Fettsäure-CoA-Synthetase1) ist
geschlechtschromosomengebunden,
genauer gesagt, das Gen, dass das "SLKF-Enzym" codieren
sollte, liegt in der Xq28-Region
des X-Chromosomes. Somit können nur Männer an
ALD
erkranken, da nur sie ein einziges
X-Chromosom besitzen. Ist das "ALD-Gen" auf dem männlichen
X-Chromosom zu finden, so erkranken die Männer (XY); im
Gegensatz zu den Frauen, die in
Folge ihrer
Geschlechtschromosomenkombination (XX) zwei X-Chromosomen besitzen.
Ist
nämlich ein weibliches
X-Chromosom mit dem ALD-Gen bestückt, so haben die Frauen noch
ein
zweites, gesundes X-Chromosom.
Somit ist die Frau die Konduktorin (Trägerin), das heisst:
ALD
wird ausschliesslich von der
Mutter auf den Sohn übertragen. Wie der Gendefekt entstanden
ist, ist noch ebenfalls unklar. Eine Mutation wäre jedoch nicht
auszuschliessen, wobei keine geografische
Präferenzen untersucht
wurden. Das heisst, es konnte nicht beobachtet werden, dass die
Mutation,
die zu ALD führt, in einigen
Regionen häufiger ist als in anderen. Die Tatsache, dass keine
Fälle
von ALD-Erkrankungen auf dem
afrikanischen Kontinent (mit Ausnahme Südafrikas)
bekannt
sind, erklärt sich wohl mit
der Unwissenheit bezüglich der Adrenoleukodystrophie in
den
entsprechenden
Regionen.
Ist einmal der C24 und C26-Gehalt
erhöht, so reichern sich diese "ungekürzten"
Fettsäuren im
Gehirn an und zerstören die
Myelinscheide, die Schutzhülle der Nervenstränge im Gehirn.
Wie
weit die Anreicherung der
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren die Myelinscheide
beschädigt,
kann nur vermutet
werden.
Der Myelinschwund kann fatale
Folgen für den Knaben haben, die insbesonders zwischen dem
4.
und 10. Lebensjahr auftreten. So
verursacht der Myelinschwund anfänglich
beispielsweise
plötzliche Anfälle,
Seh-, Gehör-, Sprach- und Schluckstörungen, bis letztlich
eine
Vollkörperlähmung
einsetzt und der Patient dem Tod geweiht ist. In manchen Fällen
treten auch
Hautveränderungen auf, die
auf die Nebennierenschäden, die die
sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren verursachen,
zurückzuführen sind. Zwar trägt die Krankheit in ihrem
Namen das Wort
"Nebennieren-", aber es gibt wohl
nichts Zweifelhafteres an ALD als die endokrinen Folgen,
da
man beobachten konnte, dass einige
ALD-Patienten gar nicht an Nebennierenproblemen litten.
Dem zum Trotz wurden einige
endokrine Überlegungen getätigt, insbesondere diejenige,
wonach
die Anreicherung von
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren in der Nebenniere die
ACTH-Aktivität
beeinträchtigt und somit
Nebennierenschäden verursacht.
Da nur gerade jeder 500'000 an ALD
leidet, sind Forschungsgelder für Wissenschaftler, die
die
Krankheiten untersuchen,
rar.
ALD wurde 1923 zum ersten Mal
beschrieben und erhielt erst 50 Jahre später überhaupt
einen
Namen. Einige Wissenschaftler
versuchten in den 80-er Jahren den Myelinschwund bei ALD-
Patienten zu drosseln, indem sie
diese mit einer Diät behandelten, wonach alle Fettsäuren
der
Nahrung entzogen wurde. Diese
Diät zeigte keinerlei Wirkung. Lange waren die
Wissenschaftler
ratlos bis Augusto Odone, der
Vater eines ALD-kranken Kindes herausfand, dass der Körper
seinen Fettsäuremangel kompensiert, indem er durch Biosynthese
selbst Fettsäuren herstellt. Ausserdem erkannte er, wenn man der
Nahrung C24 und C26 entziehe, und dem ALD-Patienten Ölsäure
(C18) verabreiche, so würde die Biosynthese von C24 und C26 zu
50 Prozent gedrosselt, da dasjenige Enzym, das beim Abbau der
sehrlangkettig-ungesättigten Fettsäuren (C18) eine
Schlüsselrolle einnahm, das gleiche war, wie dasjenige, das bei
der Biosynthese der sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren
(C24 und C26) involviert war. Verabreichte man dem Körper nun
Ölsäure, so wurde das Enzym gewissermassen abgelenkt. Man
spricht dann von kompititiver Hemmung. Da die
Ölsäure-Therapie nur zu 50 Prozent Wirkung zeigte, wurde
den Patienten darauf Ölsäure und Erucasäure (C22)
verabreicht. Die Heilung von ALD schien in Sicht. Immerhin wurden
kurzfristige Erfolge verbucht. Doch auch die
Ölsäure-Erucasäure-Therapie (Lorenzos Öl) ist
keine endgültige Heilung.
Deswegen wird auf anderen Gebieten
ebenfalls geforscht. So versucht man beispielsweise anhand
von Knochenmarktransplantationen,
Erfolge zu erzielen. Jedoch mit einigen Ausnahmen
ebenfalls
ergebnislos.
In dieser Arbeit werde ich auch
auf diejenigen Folgen eingehen, die unheilbare Krankheiten
im
allgemeinen verursachen:
Depressionen, soziale und finanzielle Probleme.
1.0 wissenschaftliche Betrachtung
1.1 biochemische Grundlagen zur Störung des Fettsäurestoffwechsels
1.1.1 Abbau von Fettsäuren (Fettsäure-Beta-Oxidation)
Der Weg der
Fettsäuren von der Aufnahme durch den Mund
und bis zum Eintritt in die
Zelle
Wie sicherlich schon bekannt,
teilt man die aufgenommene Nahrung in drei Hauptgruppen ein
-
Proteine ; Kohlenhydrate und
Fette - . Da es sich bei ALD um
eineFettsäurestoffwechselkrankheit handelt, werde ich
ausschliesslich den Weg der Fette beschreiben:
Nach der Nahrungsaufnahme durch
den Mund gelangen die Fette durch die Speiseröhre in
den
Magen, wo von Salzsäure vor
allem Keime abgetötet werden. Kräftige
Muskelbewegungen
befördern die "gereinigte"
Nahrung dann in den Zwölffingerdarm, wo der aus der
Gallenblase
stammende Gallensaft die
grösseren Fetttropfen in kleinere zerteilt. Der Gallensaft
enthält
Gallensalze, wie zum Bsp.
Taurocholsäure, die in der Leber aus Cholesterin synthetisiert,
in der
Gallenblase gespeichert und dann
in den Dünndarm abgegeben wird, um die Fette zu spalten (1). In
einem weiteren Schritt zerteilen Enzyme, - mit Namen Lipasen -, die
aus der Bauchspeicheldrüse stammen,
die Fette in Glycerin und Fettsäuren (2). Die nun aus den Fetten
gespaltenen Fettsäuren werden
von der Darmschleimhaut aufgenommen und in Triacylglycerine
umgewandelt (3). Wobei Triacyglycerine, auch
Neutralfette genannt, aus drei Fettsäuren, die jeweils über
eine Esterbindung* mit
einem einzelnen Glycerinmolekül verbunden sind,
bestehen.
(Glycerine sind Ester, das heisst
unter Wasserabspaltung entstandene Verbindungen, des
dreiwertigen Alkohols;
Fettsäuren sind dagegen Kohlenwasserstoffketten. Binden nun
Fettsäuren
und Glycerine, so nennt man diese
Bindung: Esterbindung*).
Dabei ist es wirklich so, dass die
Fette anfänglich im Dünndarm in Glycerin und
Fettsäuren
gespalten und dann in der
Darmschleimhaut wieder zusammengefügt werden. Die
entstandenen
Triaglycerine werden zusammen mit
Cholesterin und Apoproteinen (fettbindende Eiweisse, die
für
den Transport
verantwortlich sind) zum Chylomikron gepackt (4). Als
Chylomikron bezeichnet man einfach jene kugelige Struktur, welche das
Cholesterin mit den fettbindenden Eiweissen und den Triaglycerinen
bildet. Diese Chylomikronen wandern dann über das Lymphsystem
und die Blutbahnen ins Gewebe (5). In den Blutkapillaren aktiviert
ein Enzym - das apoC-II - die Lipidproteinlipase, ein anderes Enzym,
das wiederum die Fettsäuren und das Glycerin freisetzt (6). Die
Fettsäuren treten nun in die Zelle ein, wo die eigentliche
Beta-Oxidation abläuft (7).
Die Überreste der
Chylomikronen wandern durch die Blutbahnen in die Leber, wo sie
neue
Triaglycerine binden und diese
dann als Fetttröpfchen speichern. Diese
"schlummernden"
Fettreserven können dann von
bestimmten Hormonen wie Adrenalin oder Glukagon aktiviert
werden (>Kap.
1.1.3).
die eigentliche Oxidation
Die nun in die Zelle
eingetretenen Fettsäuren werden sowohl in den Mitochondrien-
den
Kraftwerken der Zelle - als auch
in den Peroxisomen abgebaut. Dabei fand man heraus, dass
die
sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren nur in den Peroxisomen abgebaut werden
können.
Bei manchen Oxidationsreaktionen
beim Abbau von Aminosäuren und Fetten entstehen freie
Radikale und Wasserstoffperoxid
(H2O2). Diese sehr reaktionsfreudigen Verbindungen
könnten
den Zellapparat schädigen.
Damit aber die Zelle gegen solche gefährliche Nebenprodukte
geschützt ist, finden die betreffenden Reaktionen abgetrennt in
kleinen Vesikeln (Bläschen) statt, den Peroxisomen.
Ob dies der einzige Grund ist, wieso die
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren in den Peroxisomen
abgebaut werden, oder ob ein tiefgründiger Evolutionsgedanke
dahinter steckt, ist noch weitgehend unklar. Ausserdem ist es nicht
bekannt wie der Organismus die Selektion durchführt.
An dieser Stelle möchte ich
erklären, dass alle Fettsäuren, die mehr als 22
Kohlenstoffatome
besitzen zu den sehrlangkettigen
Fettsäuren gezählt werden. Gesättigte sind wiederum
jene die nur
Einfachbindungen zwischen den
Kohlenstoffatomen haben ( C-C ). Wobei die allgemeine
Schreibweise folgendermassen
aussieht: Anzahl der Kohlenstoffatome ":" Anzahl der
Doppelbindungen. (Bei einer
Fettsäure mit 12 Kohlenstoffatomen und einer Einfachbindung,
also
gesättigt, würde die
Formel so aussehen; 12:0 ).
Zurück nun zu den
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren, die ausschliesslich
in den Peroxisomen,
im Unterschied zu den
langkettigen, die in den Mitochondrien abgebaut werden. Hier beginnt
das
Problem von ALD-Patienten. Diesen
fehlt nämlich dasjenige Enzym, das in einen
dieser
Fettsäureabbauschritte
gebraucht wird. Der Name des Enzym ist peroxisomale
sehrlangkettige
Fettsäure-CoA-Synthetase oder
wie schon in der Einleitung vermerkt abgekürzt als
SLKF-Enzym.
Enzyme sind Eiweisse, die
chemische Vorgänge beschleunigen. Da die
sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren, insbesondere C24
und C26, nicht abgebaut werden können, sammeln sich diese
im
Gehirn an und verursachen
Schäden an der Myelinscheide.
(>Kap. 1.3.1)
Die peroxisomale sehrlangkettige
Fettsäure-CoA-Synthetase, heisst "peroxisomale", da sie, wie
es der Name schon sagt, in
den Peroxisomen aktiv ist. CoA steht dabei für Koenzym und
Synthetasen sind Enzyme, die Kondensationen katalysieren, das heisst
diese beschleunigen. Müsste man den Synthetasen
einen deutschen Namen geben, so würde man sie
womöglich "Molekülspaltungsbeschleuniger"
nennen. Synthetasen sind eine Untergruppe der Enzymhauptgruppe der
Lipasen.
Koenzyme sind dabei
Nichteiweissanteile, die sich mit dem Eiweissanteil, dem
Apoenzym
verbinden. Der
Koenzym-Apoenzym-Komplex wird Holoenzym genannt. Diejenige Substanz,
die
vom Enzym - hier SKLF-Enzym -
umgesetzt werden soll, nennt man Substrat. In unserem Falle
ist
es also so, dass das Substrat, die
Fettsäuren, sich mit dem Enzym binden, wobei die
eigentliche
Wirkreaktion vom aktiven
Enzymzentrum aus erfolgt. Enzyme funktionieren eigentlich nach
dem
Schlüssel-Schlossprinzip. Das
aktive Enzymzentrum ist dabei das Schloss und das Substrat
der
Schlüssel.
Die Beta-Oxidation von
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren (SKLF) in den
Peroxisomen
läuft bei gesunden Menschen
wie folgt ab: Bevor die eigentliche Beta-Oxidation (Abbau)
erfolgen
kann, müssen die
Fettsäuren aktiviert werden. Dies ist die Aufgabe des
SKLF-Enzym, das ja
bekanntlich bei ALD-Patienten
fehlt oder defekt ist. Nach der Aktivierung durch das SKLF-Enzym
entsteht als Produkt die Fettsäureacyl-CoA (1). Der ganze
Vorgang findet in den Membranen der Peroxisomen statt. Im Unterschied
zum Abbau kurzkettigerer Fettsäuren in den Mitochondrien,
müssen die Fettsäuren nicht in Carnitin umgewandelt werden,
um die Organellenporen zu diffundieren (durchdringen). Ein dazu
speziell gebildetes Eiweiss, das nicht benannt ist und dessen
Funktionsweise den Wissenschafter noch Rätsel aufwirft, ist
dabei beteiligt. Nun beginnt die eigentliche Oxidation im Inneren der
Peroxisomen. In einem weiteren Schritt werden durch die
Acyl-CoA-Oxidase (2) ("Elektronenabspalter") angetrieben Wasserstoff
(H) oder Elektronen direkt an den Sauerstoff (O2) unter Bildung von
Wasser abgegeben. Dabei bleibt als Produkt die 2-trans-Enoyl-CoA
(3)zurück. Diese hat anstelle einer Einfachbindung eine
Doppelbindung zwischen dem zweiten und dritten Kohlenstoffatom.
Darauf fügt die Enoyl-CoA-Hydratase (4) ("Wasserbinder") dem
Produkt Wasser hinzu. Hierbei entsteht die -Hydroxy-acyl-CoA (5)
(auch 3-Hydroxyacyl-CoA genannt), die am zweiten Kohlenstoffatom der
Fettsäure-Restgruppe eine Hydroxid-Gruppe (OH) besitzt. In der
dritten Stufe wird das entstandene Produkt durch die
Beta-Hydroxyacyl-Dehydrogenase (6) ("Wasserstoffabspalter") zu
-Ketoacyl-CoA (7) abgebaut. Wobei NAD+, der Wasserstoffträger,
die Elektronen aufnimmt und somit zum NADH wird. Im letzten Schritt
nun bindet die Thiolase (8) ("Koenzymbinder") ein Molekül des
freien Koenzyms A an die Beta-Ketoacyl-CoA. Dabei wird am Ende der
Kohlenwasserstoffgruppe ein Fragment aus zwei Kohlenstoffatomen als
Acetyl-CoA abgespalten. Das dabei entstandene Produkt ist das um zwei
Kohlenstoffatome kürzere Koenzym-A-Thioester (9). In weiteren
Abfolgen werden alle vier Schritte wiederholt. Bei jeder erneuten
Abfolge ist die Kette um 2 Kohlenstoffatome kürzer.
Da bei ALD-Patienten dasjenige
Enzym fehlt, das die sehrlangkettigen Fettsäuren zum
Abbau
vorbereitet, kann keine
Beta-Oxidation erfolgen. Somit können auch keine
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren
abgebaut werden. Die nicht gekürzten
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren lagern
sich
im Gehirn an und verursachen
Hirnschäden.
Kurz repetiert werden alle
sehrlangkettigen Fettsäuren, die ja in den Peroxisomen abgebaut
werden müssten, bei ALD-Patienten nicht abgebaut, aber nur die
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren sind
für den Organismus
schädlich. Alle kurzkettigeren Fettsäuren (C22>) werden
bekanntlich in den Mitochondrien
abgebaut und dort funktioniert der Abbau gut, da alle beteiligten
Enzyme intakt sind.
1.1.2 körpereigene Produktion von Fettsäuren (Fettsäure-Biosynthese)
Dieses Kapitel über die
Fettsäure-Biosynthese werde ich nicht in all seinen
biochemischen
Einzelheiten ausführen, da es
für das Verständnis von ALD nur beschränkt von
Interesse ist. Im
Kapitel über Lorenzos Öl
(>Kap. 1.4.2) spielt die Fettsäurebiosynthese insofern eine
Rolle, weil sie dessen Wirksamkeit herabsetzt. Die genauen
Vorgänge sind aber nicht so von Interesse, da die
Wissenschaftler in bezug auf die
Gemeinsamkeiten von Fettsäureabbau-und aufbau noch
weitgehend im trüben fischen.
Nichtdestotrotz sollten die groben Züge der
Fettsäurebiosynthese
erläutert werden. Dies kann
in wenigen Sätzen erfolgen:
Ohne Fette könnte der
Organismus nicht überleben. Fette werden unter anderem zum
Aufbau von
Pigmenten, Gallensalzen, Hormonen
und der Myelinscheide (>Kap. 1.3.1) genutzt. Der
Körper
nimmt zwar durch die Nahrung
ausreichend Fette auf, die er ebenfalls zu speichern vermag,
aber
die Evolution hat wahrscheinlich
nach dem Motto gehandelt: "Doppelt hält besser". Nicht nur,
dass
der Körper zusätzlich zu
den Fetten aus der Nahrung noch Fette benötigt, sondern er
sollte ja bei
einem Ausfall derjenigen Fette,
die der Nahrung entstammen, auch selbst welche herstellen
können. Genau dieser,
eigentlich evolutionstechnische sinnvolle Gedanke, wird den ALD
Patienten
zum Verhängnis (>Kap.
1.4.2).
Bei der
Fettsäurebiosynthese werden in vier Stufen aus einer
Malonylgruppe gesättigte
Acetylgruppen gebildet, die dann
wieder in komplizierten Abfolgen zu Malonyl umgebaut
werden.
Bei jedem dieser Durchläufe
durch den Kreislauf verlängert sich die Fettsäureacylgruppe
um zwei
Kohlenstoffatome. Hat die Kette
eine Länge von 16 Kohlenstoffatome erreicht, verlässt
das
Produkt, Palmiat genannt, den
Kreislaufprozess. Alle Reaktionen innerhalb dieses
Kreislaufes
werden von einem Enzym namens
Fettsäure-Synthase (" energiebenötigende
Molekülspalter")
durchgeführt. Palmiat (auch:
Palmitinsäure ist eine gesättigte
Fettsäure.
Wird diese um weitere
Kohlenstoffatome verlängert, entsteht die Stearinsäure, die
bei weiteren
Verlängerungen zu noch
längeren gesättigten Fettsäuren, wie C24 und C26,
wird. C24 und C26
sind für ALD-Patienten
schädlich, da sie nicht abgebaut werden können.
1.1.3 Einwirkungen des / in den Hormonhaushalt (endokrine Faktoren)
Zwar trägt die Krankheit
ALD in ihrem Namen die Bezeichnung "Nebennieren-", aber es gibt wohl
nichts, was mehr Zweifel aufwirft als die Beziehung zu dieser
wichtigen Hormondrüse. Einigen
Experimenten zur Folge
beobachteten Wissenschaftler, dass erhöhte Mengen von
sehrlangkettig-
gesättigten Fettsäuren,
wie Lignocerinsäure (C24) und Hexacosansäure (C26) die
Aktivität des
adrenokortikotropen Hormon (ACTH)
verändert. Dies hat wiederum Nebennierenschäden
zur
Folge. Genauer beobachtet glaubten
die Forscher, dass "ungekürzte" Fettsäuren die
Nebennierenzellen auf
ACTH-Stimulationen nur unzureichend reagieren lassen. Dies
wiederum
folgt aus der Tatsache, dass diese
"ungekürzten" Fettsäuren womöglich einige
Hormonrezeptoren
unterdrücken. Allerdings
sollte man anmerken, dass die Unterdrückung jener
Hormonrezeptoren
durch Zufügung von ACTH
überwunden werden könnte. Die Unterdrückung
der
Hormonrezeptoren führt zu
Veränderungen im Nebennierengewebe und zur Verkümmerung
von
Nebennierenzellen. Ein weiterer
Beweis für die Abnormalität von
ACTH-Bindungsrezeptoren
liefert eine Untersuchung, die bei
weissen Blutkörperchen ALD-kranker Kinder keine
ACTH-
Bindungstellen ausfindig machen
konnte. Dem zum Trotz entdeckte eine andere Forschungsgruppe, dass
Testergebnisse, insbesondere im Anfangsstadium der Krankheit,
täuschen können.
Wie sicherlich bekannt, stimuliert
ACTH die Kortikoide-Bildung, von denen insbesondere die
Glukokortikoide (Cortisol) von
Interesse sind, da diese Hormone im
Kohlenhydratestoffwechsel
und demnach auch im
Fettsäurestoffwechsel eine entscheidende Rolle spielen. Ein
weiteres
Nebennierenhormon, das den
Fetthaushalt reguliert, ist Adrenalin. Dessen Wirkung bei
ALD-
Patienten konnte zur Zeit noch
nicht untersucht werden.
Leider muss ich hier eingestehen,
dass sich die Wissenschaftler zur Zeit mit der Tatsache
begnügen, dass
sehrlangkettig-gesättigte Fettsäuren
Nebennierenschäden verursachen können, und
sich noch nicht um die Frage
kümmerten, wieso denn eigentlich
sehrlangkettig-gesättigte
Fettsäuren die
Hormonrezeptoren unterdrücken. Dies ergründet sich
einerseits aus der Tatsache,
dass ALD eine sehr seltene
Krankheit ist und andererseits, muss man einfach eingestehen, dass
die Nebennierenschäden
im Verhältnis zum Myelinschwund, wohl das kleinere Übel
sind.
Alle genannten Tatsachen hindern
mich nicht daran folgende offensichtliche Schlussfolgerung
zu
ziehen: Die molekulare Struktur
von "ungekürzten" Fettsäuren passt irgendwie wie der
Schlüssel
zum Schloss auf die
ACTH-Rezeptoren, dabei werden diese blockiert, und das ACTH kann
nicht
mehr normal wirken. Die Frage, die
sich an dieser Stelle stellt, ist, wieso die
"ungekürzten"
Fettsäuren nur die
ACTH-Rezeptoren blockieren. Ist dies nur Zufall oder stecken
tiefsinnigere
Evolutionsgedanken dahinter ?
Könnte es sein, dass die Blockierung erfolgt, um die
Cortisolstimulation zu
unterdrücken, um wiederum den eh' nicht funktionsfähigen
Abbau von
sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren abzustellen ? All dies sind Fragen, die noch
lange
unbeantwortet bleiben
werden.
1.2 genetische Grundlagen zu ALD
ALD ist eine
geschlechtschromosomengebundene Krankheit. Genauer gesagt, das Gen
auf dem X- Chromosom, das
das SKLF-Enzym codieren sollte, fehlt oder ist defekt. ALD wird
ausschliesslich von der Mutter auf den Sohn übertragen. Die
Mutter ist dabei Trägerin oder mit dem Fremdwort
Konduktorin. Da Frauen zwei
X-Chromosomen besitzen, können sie nicht erkranken, da sie
auf jeden Fall ein gesundes
X-Chromosom besitzen. Knaben dagegen, die ein mit dem ALD-Gen
bestücktes X-Chromosom haben,
erkranken zwangsläufig, da sie nur ein X-Chromosom
haben.
Sicherlich besteht rein
theoretisch die Möglichkeit, dass auch Frauen an ALD erkranken.
Da aber
nur gerade jede 500'000 Frau die
Krankheit in sich trägt, und bis vor wenigen Jahren ALD-kranke
Jungen das zeugungsfähige Alter nicht erreichten, ist es wohl
eher unwahrscheinlich, das eine
ALD-Konduktorin mit einem
ALD-Patienten, der durch die Behandlung mit Lorenzos Öl
nicht
vom Tode eingeholt wurde, ein Kind
zeugen.
Auch dann stünden die Chancen
1:3, dass das Embryo-Mädchen gerade das beschädigte
X-
Chromosom von der Mutter und vom
Vater erhalten würde. Ausserdem können sich
Ehepaare
heute einer Untersuchung
unterziehen, wobei möglichen Erbkrankheiten erkannt werden
können.
Bleibt diese aus kann man mit
einer vorgeburtlichen Genuntersuchung immer noch feststellen,
ob
der Fötus erkrankt ist oder
nicht.
All diese Tatsachen reduzieren die
Chancen, dass ein Mädchen an ALD erkrankt auf fast
Null.
Aber eben nur fast. Ein Restrisiko
bleibt immer !
Neuere Erkenntnisse ergaben erstaunlicherweise, dass auch bei Frauen
ALD zu tragen kommen kann. Da man früher der Meinung war, dass
Frauen aufgrund der genetischen Voraussetzung unmöglich an ALD
erkranken können, diagnostizierte man bei Frauen mit
ALD-ähnlichen Symptomen MS. Heute scheint man zu wissen, dass
diese Frauen womöglich an der Erwachsenen-Form von ALD leiden.
Weshalb dies überhaupt möglich ist, wirft viele Zweifel
auf.
Vermutet wird dabei eine Dominanz des ALD-Gens auf dem einen
X-Chromosom, was bedeutet, dass das gesunde Gen, das das SKLF-Enzyme
ausbilden sollte und auf einem der zwei X-Chromosomen der Frau sitzt,
schwächer ist als das ALD-Gen auf dem anderen der beiden
X-Chromosomen. Eine SKLF-Enzym-Produktion ist folglich alleine wegen
der Dominanz des ALD-Gens nicht mehr möglich. Dies ist eine neue
Betrachtung, die die obgenannten Behauptungen relativiert und in ein
anderes Licht rückt.
1981 bewies B. Migeon, das sich
das ALD-Gen in der Xq28-Region des X-Chromosoms befindet.
Die Position des Gens an sich
wurde allerdings noch nicht ausfindig gemacht.
Da das Gen, das das ALD-Protein
codieren sollte, fehlt oder defekt ist, kann auch keine
Proteinbiosynthese des
ALD-Proteins erfolgen. Das bedeutet wenn die RNS den DNS-Strang durch
Transkription (Umschreibung) kopiert und zu den Ribosomen wandert,
dann hat sie keinen
Abdruck vom ALD-Protein-Gen
genommen. Daher kann auch keine Translation
(Übersetzung)
der entsprechenden Genstelle durch
die Überträgermoleküle durchgeführt werden. Es
bildet sich
keine entsprechende
Aminosäurekette die zum ALD-Protein und somit zum
SKLF-Enzym werden kann.Untersuchungen haben ergeben, dass der Defekt
des ALD-Gens unterschiedliche Merkmale haben kann. Wissenschaftler in
Neuseeland fanden heraus, dass eine Mutation des vierten Exons
des ALD-Gens (C2203T) den Übersetzungsvorgang (Translation) von
der Boten-RNS zu den Überträgermolekülen
behindert. Ein Gen besteht ja bekanntlich aus Introns, den
nichtcodierten Sequenzen,
und Exons, den codierten Sequenzen. Norwegische ALD-Forscher, die
ihrerseits zwei eineiige Zwillinge, die an ALD erkrankten,
untersuchten, stellten verblüffenderweise fest, das die
Mutation des achten Exons des
ALD-Gens unterschiedliche klinische Phänotypen von ALD
hervorruft. Dabei zogen sie die
Schlussfolgerung, dass ein nicht erbbedingter Faktor eine
entscheidende Rolle bei der
Ausbildung von ALD-Phänotypen (Erscheinungsformen)
einnimmt.
Dagegen untersuchten Ärzte in
Frankreich die Mutation des zehnten Exons des ALD-Gens.
Resultate stehen hier noch
aus.
Die Xq28-Region des X-Chromosoms
ist nicht nur "Heimat" des ALD-Gens. Neueren
Untersuchungen zur Folge soll das
rot/grün-Pigment-Ausbildungs-Gen in naher
"Nachbarschaft"
des ALD-Gens liegen. In
gewisserweise konnten auch einige Verbindungen ausfindig
gemacht
werden. Diese Tatsache könnte
den Wissenschaftler helfen, das ALD-Gen endlich zu
lokalisieren.
Ist es nämlich lokalisiert,
so kann man mit Hilfe der Gentechnologie ein gesundes
ALD-Gen
isolieren und Organismen, wie
beispielsweise Bakterien, dazu bringen ALD-Proteine und
somit
SKLF-Enzyme auszubilden. Diese
könnten dann ALD-Patienten injiziert werden.
1.3.1 primäre Folgen von ALD - Myelinschäden
Wie schon unzählige Male
erwähnt, hat die Anreicherung von
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren
eine entmyelinisierende Wirkung
zur Folge, das bedeutet: die Myelinscheide, eine aus
fettartigen
Substanzen und aus Eiweissstoffen
bestehende Hülle, beginnt sich aufzulösen. Die
Myelinscheide
umhüllt die Axons (auch
Achsenzylinder genannt), die Fortsätze der Nervenzellen, die
zur
Weiterleitung von Nervensignalen
dienen. Myelin hat die Aufgabe die Nervenfasern elektrisch
zu
isolieren und somit die
Fortleitung der Nervensignale zu beschleunigen.
Detailliert beschrieben, besteht
jede Nervenzelle aus einem Zellkörper, der zwei Arten
von
Ausläufern besitzt: die
Dendriten, verästelte Fortsätze, die Nervensignale
empfangen und das
Axon, eine meist sehr lange Faser,
die Signale vom Zellkörper weg zu anderen Zellen leitet.
Die
Membran, die die Nervenzelle und
all ihre Fortsätze umgibt, hält zwischen Innen- und
Aussenseite
eine Spannungsdifferenz aufrecht.
Im Ruhestand befinden sich im Zellinnern mehr positiv
geladene
Kalium-Ionen als aussen. Dabei
befinden sich an der Zellaussenseite reichlich positiv
geladene
Natrium-Ionen (geladene Teilchen).
Unter bestimmten Bedingungen öffnen sich Kanäle in
der
Membran und die Natrium-Ionen
strömen ins Zellinnere. Dabei kehrt sich die
Spannungsdifferenz
an der Membran um. Man sagt auch:
Die Membran wird depolarisiert. Anschliessend strömen
die
Kalium-Ionen nach aussen, was die
Spannungsdifferenz wieder auf den Normalwert drosselt. Dabei kann
sich die Änderung der Spannung längs der Nervenfaser
fortpflanzen. Die
Spannungsänderung ist das
eigentliche Nervensignal. Fehlt die Myelinhülle, so
bilden
vorübergehende
Ionenflüsse Stromkreise, die für eine
Spannungsdifferenzumkehr (Depolarisation)
sorgen. Dabei wandert das Signal
über die gesamte Nervenfaser, und nicht stückweise wie bei
den von der
Myelinhülle umschlossenen Fasern. Das heisst: in Nervenfasern,
die von einer Myelinhülle
umgeben sind, kann das
Nervensignal von einer Einschnürung der Myelinhülle auf
eine andere
springen. Dabei wird es viel
schneller übertragen als bei Nervenfasern, denen keine
Myelinschicht
ist. Dies mag erklären, wieso
eine fehlende Myelinhülle unkontrollierte Muskelbewegungen
und
Beeinträchtigungen der
Gehfähigkeit hervorrufen.
Wie die Anreicherung von
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren die Myelinhülle
beschädigt ist
noch weitgehend unklar. Man weiss
jedoch, dass sich die Myelinhülle bei der Geburt noch
nicht
ganz ausgebildet hat. So lange der
Organismus wächst muss neues Myelin gebildet werden.
Weiter weiss man, dass die
Myelinhülle zu 75% aus fettartigen Substanzen besteht. Sie
benötigt in ihrer
Aufbauphase demnach Fette. Man
nimmt an, dass die Anreicherung von
sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren im Gehirn die
Myelinhülle in ihrer Aufbauphase stört. Dabei nehmen
SKLF den Platz von
myelinbildenden Fetten ein. Einfach ausgedrückt, nehmen die
nicht myelinbildenden
SKLF den myelinbildenden Fetten
den Platz weg. Somit kann sich keine funktionsfähige
Myelinhülle aufbauen. Dies
erklärt auch die Tatsache, wieso bei erkrankten Knaben die
Symptome erst etwa im fünften Lebensjahr zur Geltung kommen.
Solange der ALD-kranke Junge mit der von
Geburt an befindlichen
Myelinhülle lebt, sind keine Symptome erkennbar.
Sobald aber die Aufbauphase der
Myelinhülle beginnen sollte, bildet sich aufgrund der
"störenden
Fettsäuren" keine
funktionsfähige Myelinhülle. Anders formuliert: Der
Organismus und das Gehirn
wachsen, die Myelinsubstanz bleibt
aber mengenmässig so gross wie bei der Geburt.
Abschliessend kann behauptet
werden, dass eine unzureichende Abdeckung von Myelin die
Übertragung der Nervensignale
verlangsamt und somit Steuermechanismen im Körper
beeinträchtigt.
Eine Organisation mit Namen Das
Myelin Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Forschungsarbeiten
in
bezug auf die Regeneration von
Myelin zu unterstützen und zu finanzieren und
betroffenen
Personen seelischen Beistand zu
leisten. Dabei muss man allerdings anmerken, dass ALD-Patienten nicht
die einzigen sind, die an Myelinschwund leiden. Auch MS-Kranke leiden
an diesem teuflischen
Gehirnauflösungsprozess.
Hier muss man betonen, wenn das
Myelin einmal zerstört ist, kann es sich nicht selbst
wiedergenerieren. Zumindest gelang
es noch keinem Forscherteam, einen Organismus Myelin nach
einer Zerstörung herstellen
zu lassen. Auch eine Transplantation schlug fehl. An der
Erreichung
dieses Zieles arbeiten aber eine
Reihe von Wissenschaftler. Koordiniert werden diese von
der
Organisation, die
myelingeschädigte Patienten und deren Familien moralisch und
finanziell
unterstützt, dem Myelin
Projekt, mit Zweigstellen in vielen Staaten.
Ich habe versucht, die Zweigstelle
des Myelin Projektes in Deutschland telefonisch, per Fax,
brieflich und mit Hilfe
elektronischer Post zu kontaktieren. Jedoch ohne jeden Erfolg. Es
wäre
sicherlich hilfreich gewesen,
deren Unterlagen zu durchforsten, besonders um
persönliche
Schicksale
kennenzulernen.
1.3.2 sekundäre Folgen von ALD - Gehör-, Seh-, Sprechstörungen etc.
Wie im vorherigen Kapitel schon
eingehend beschrieben, bewirkt eine Fettanreicherung im
Gehirn
einen Myelinschwund, der wiederum
eine Art Kurzschluss zur Folge hat, so dass die Nervensignale nicht
mehr korrekt weitergeleitet werden können. Da sich der
Myelinschwund stufenweise bemerkbar
macht, wirkt er sich erst als einfache Aggressionen aus. Die
Aggressionsausbrüche werden
dann immer heftiger, so dass man den ALD-Patienten als hyperaktiv
bezeichnen könnte. Im Unterschied zu einfachen
Verhaltensstörungen verliert der ALD-Patient nur kurze Zeit
nach Bemerkbarmachung der
Krankheit seinen sicheren Gang. Immer wieder wird er von
Krämpfen heimgesucht,
die manchmal Stunden andauern können. Begleitet werden diese
Symptome erst von Gehörschäden,
dann von Stummheit und schliesslich vom Verlust des Augenlichts.
ALD-Patienten leiden oft
auch unter Schluckstörungen.
Ein halbes Jahr nach
Diagnosestellung treten zuerst Lähmungserscheinungen der Beine
und Arme
auf und später befallen
dieselben sogar den ganzen Körper. Im Endstadium der Krankheit
fallen die ALD-Jungen ins Koma und werden innerhalb weniger Wochen
vom Tod eingeholt. An dieser
Stelle muss man anmerken, dass
seitdem man Lorenzos Öl bei der ALD-Behandlung einsetzt,
die
obengenannten Symptome und
Erscheinungen nur noch selten auftreten. Der sonst zwingende
Tod
nach höchstens 2 Jahren nach
Diagnosestellung wird verhindert oder hinausgezögert.
1.4 Lösungsansätze für die Heilung von ALD
1.4.1 Knochenmarktransplantationen
Zur Zeit gilt die Lorenzos
Öl-Therapie als verheissendste Heilungschance für
ALD-Patienten. Das
hindert aber ALD-Forscher nicht
daran, auch andere Heilungsmethoden zu untersuchen, vor
allem
seit bekannt ist, dass die
Lorenzos-Öl-Therapie langfristig gesehen an Wirkung verliert.
Nebst
Immunosuppression
(Abwehrunterdrückung), Plasmaaustausch und einer Reihe
Diäten scheinen
die Forschungen auf dem Gebiet der
Knochenmarktransplantationen (KMT) erste Früchte zu
tragen. Momentan stützen sich
die Erfolgsmeldungen auf einen 8-jährigen Jungen aus
Frankreich,
bei dem in Folge einer
Knochenmarktransplantation die SKLF-Werte nach 18 Monaten auf
die
Normalkonzentration gesunken
waren.
1.4.2 Die Hoffnung naht ... - Öl-/Erucasäure-Therapie (Lorenzos Öl)
Wie schon einige Male
erwähnt, sind die sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren für den ALD-
Patienten schädlich. Aus
diesem Grunde glaubte man anfänglich, durch den Entzug
dieser
Fettsäuren aus der Nahrung
den Myelinschwund stoppen zu können. Dabei schlug man aber
fehl,
da der Organismus durch
Biosynthese bei SKLF-Mangel dieselben selbst produziert (>Kap.
1.1.2). Dabei muss man anmerken, dass die Entdeckung der Biosynthese
von ALD auf Augosto Odone, Vater
eines ALD-kranken Kindes und ALD-Laienforscher,
zurückzuführen ist (>Kap. 2.1).
Augosto Odone tätigte diese
Entdeckung, gestützt auf einer Rattenstudie aus Polen aus dem
Jahre
1977, die eine
Fettsäurebiosynthese bei Ratten beschrieb.
Die weitere Aufgabe des
Laienforschers bestand nun darin, einen Weg zu finden, wie
diese
Biosynthese zu unterdrücken
sei. Auf einem ALD-Symposium erfuhren die Odones, dass
Ölsäure
(C18) die gewünschte Wirkung
erzielen würde. Ölsäure sollte nämlich eine
kompetitive Hemmung
bewirken. Das bedeutet:
Ölsäure wird vom gleichen Enzym aufgebaut, wie
sehrlangkettig
gesättigte Fettsäuren
abgebaut. Dabei kann also eine Verabreichung von Ölsäure,
das SKLF-
Aufbau-Enzym (nicht zu verwechseln
mit dem SKLF-Enzym, das SKLF abbauen sollte und ja
bekanntlich bei ALD Patienten
fehlt oder defekt ist) ablenken, so dass es keine SKLF
mehr
aufbaut.
Bei der Fettsäurendiät,
der ALD-Erstlingstherapie, wurden alle sehrlangkettigen
Fettsäuren der
Nahrung entzogen, da man erstens
nicht wusste, welche Fettsäuren schädlich wirkten, und
auch
nach der Erkenntnis dieser
Tatsache, eine Fettsäuretrennung technisch schlicht
nicht
bewerkstelligen konnte.
Dabei muss man vielleicht
anmerken, dass nur im Film "Lorenzos Öl" von einer
kompetitiven
Hemmung die Rede war. Die
wissenschaftliche Literatur schwieg sich ausnahmslos darüber
aus. Es heisst sogar: "Es ist bis anhin unbekannt, wieso die
Verabreichung von Erucasäure von Nutzen ist,
um die Anreicherung von
gesättigten SKLF im Plasma zu drosseln..." 3 Das bewog
mich
anzunehmen, dass die
Heilungswirkung von Ölsäure womöglich noch gar nicht
wissenschaftlich
belegt werden konnte, dass sie
vielleicht nur durch Zufall entdeckt wurde und noch heute
Rätsel
aufwirft. Weiter fand ich es
merkwürdig, dass dieses SKLF-Abbau-Enzym, das ebenfalls
das
langkettige
Fettsäurenaufbauenzym sein sollte, nirgends vermerkt wurde. Auch
logisch gesehen
machte es keinen Sinn, ausser man
argumentiere mit der "Weisheit der Evolution". Demnach
kann
es möglich sein, dass die
Evolution in gewisserweise eine "Schutzvorrichtung" einbauen wollte,
um
Menschen, für die
sehrlangkettige gesättigte Fettsäuren schädlich sind,
einen Schutz zu bieten.
Denn ein anderer Grund, wieso bei
der Vielzahl von Enzymen gerade der LKF (langkettige
Fettsäuren)-Abbau und der
SKLF-Aufbau von ein und dem selben Enzym verrichtet werden sollte,
gibt es nicht. Das hört sich doch ein wenig überspitzt an,
denn wieso sollte die Evolution gerade an ALD-Patienten
gedacht haben, eine so seltene Krankheit, und weit verbreitetere
Krankheiten einfach so
vernachlässigt haben ?! Genauso wie es wissenschaftlich falsch
wäre, sich nur auf eine Quelle
zu beziehen, und die stammt noch aus der Feder eines Hollywood-
Drehbuchautoren ! Wir nehmen
also zur Kenntnis, dass Ölsäure eine heilende Wirkung auf
ALD hat! Nach allem hatte
Ölsäure (C18) nur eine 50 prozentige Wirkung. Eine
zusätzliche Verabreichung von
Erucasäure (C22) (Wie erinnern uns: schädlich sind die
Fettsäuren für einen ALD-Patienten nur
ab C22) steigerte aber den Wirkungsgrad auf 100 Prozent. Erklärt
wurde dies wiederum damit, dass SKLF doppelt so schnell aufgebaut,
wie Ölsäure abgebaut wird. Da Erucasäure nun aus 22
Kohlenstoffatomen besteht (also vier Kohlenstoffatome mehr als die
Ölsäure) ist das Enzym länger mit dem
Erucasäureabbau beschäftigt, demnach auch länger
abgelenkt. Somit werden auch weniger SKLF durch Biosynthese
produziert.
Letztlich ergab eine Mischung
dieser beiden Öle das bekanntgewordene Lorenzo
Öl.
Das besteht aus
dreierucischem Glyceryl. Dieses Öl ist eine synthetische
triglycerid-Form der
Erucasäure, welche
ursprünglich aus SKLF-losem hochkonzentriertem
Erucasäure-Rapsöl
gewonnen wurde. Nur die
triglycerid-Form der Erucasäure ist für den Menschen
geniessbar, alles
andere würde schwere
Herzschäden verursachen. Das dreierucische Glyceryl besteht
seinerseits aus 92% C22:1 (reine Erucasäure). Gemischt wurde
dieses Öl mit dreiölischem Glyceryl, die essbare Form der
Ölsäure. Die entstandene Mixtur war eine goldene
Flüssigkeit, bestehend aus 18% C22:1 (Erucasäure), 76%
C18:1 (Ölsäure), 3% C24:1 und 2% C20:1. 5C24:0 und C26:0
sind natürlich nicht enthalten. Diese Mixtur ist besser bekannt
unter dem Namen Lorenzos Öl. Lorenzos Öl kann bei allen
ALD-Phänotypen (kindliche ALD und Erwachsenen-ALD, auch AMN
genannt) eingesetzt werden.
Studien einiger Wissenschaftler in
den 90-er Jahren ergaben, dass Lorenzos Öl die C24 und
C26
Plasmawerte von ALD-Patienten
normalisiert. Vorsichtshalber sprachen sie noch von einem
Lösungsansatz für eine
wirkungsvolle ALD-Heilung. Sie wussten nicht wie Recht sie
behalten
sollten. Studien neueren Datums
ergaben merkwürdigerweise, dass Lorenzos Öl
erstaunliche
Ergebnisse bei
nichtsymptomatischen ALD-Patienten erzielt, bei symptomatischen
dagegen
enttäuschende wenn nicht
ernüchternde Resultate aufwies. Lorenzos Öl ist keineswegs
ein
Wundermittelchen, dass nun
ALD-Patienten heilt, es ist ein Lösungsansatz in die richtige
Richtung.
Von einer vollständigen
Heilung darf zur Zeit (1996) nicht gesprochen werden.
Aus diesem Grunde sind Kapitel
2.2.1, 2.2.2 und 2.3 noch immer aktuell.
1.5 Mit ALD verwandte Krankheiten
Kurz gesagt sind alle
peroxisomalen Krankheiten, verwandt mit ALD. Peroxisomale
Krankheiten
werden in drei Kategorien
eingeteilt:
A. Krankheiten,
bei welchen die morphologisch (formenmässig)
charakteristischen Peroxisomen
(Nur-Katalase-Teilchen
genannt) Mängel aufweisen und die
meisten peroxisomalen Funktionen (normale
Aufgaben der Peroxisomen) beeinträchtigt sind. Diese
Kategorie von Krankheiten
beinhaltet das Zellweger-Syndrom, die infantile
(kindliche) Refsum-Krankheit und pränatale
(vorgeburtliche) Adrenoleukodystrophie.
B. Krankheiten, bei
welchen die Nur-Katalase-Teilchen vorhanden sind, bei denen
aber einige
peroxisomale Funktionen
beeinträchtigt sind. Die rhizomelische
Chondrodysplasia punctata
(Knorpelansatzplasma-Flüssigkeitsentzug-Krankheit)
und das Zellweger-ähnlich-
Syndrom gehören in diese
Kategorie.
C. Krankheiten, bei
welchen nur ein einziges peroxisomales Enzym mangelhaft
funktioniert.
Diese Kategorie beinhaltet
Krankheiten, die an Mängel der folgenden
Enzyme charakterisiert
werden: peroxisomale
sehrlangkettige Acyl-CoA Synthetase
(X-Chromosomengebundene
Adronoleukodystrophie); Acyl-CoA
Oxidase (pseudo-neonatales ALD; unechtes vorgeburtliche
ALD) ; zweifunktionales Eiweiss ;
peroxisomale 3-oxoacyl-CoA (unechtes Zellweger-Syndrom) ;
Alanin ; glyoxylate
Aminotransferase (Hyperoxalurie;
Oxalsäurenüber-ausscheidungskrankheit Typ A) und Katalase
(Acataläsimie).
2.1 Die Geschichte des Lorenzo Odone
1978 kam Lorenzo Odone als Sohn
eines italienischen Ehepaares auf den Komoren zur Welt.
Lorenzos Vater, Augosto Odone, war
für die Weltbank tätig und musste demnach viel reisen. 1983
zogen die Odones in die Vereinigten Staaten, wo ihr Glück nur
von kurzer Dauer war. Nur einige Monate nach dem Umzug wurde Lorenzo
aggressiv. Seine Lehrer erklärten sein Verhalten für
hyperaktiv, was seine Mutter, Michaela Odone, aber strikt von sich
wies, da sie Lorenzos Verhalten als klar zielgerichtet bezeichnete.
Aufgrund der gestörten Ausbrüche des Jungen waren die
Lehrer gezwungen Lorenzo in ein Sondererziehungsprogramm zu
integrieren. Die Mutter lehnte das aber entschieden ab und
unterrichtete von nun an ihren Sohn zu Hause. Doch dies erwies sich
für die Mutter als immer schwerer. Lorenzo verlor des
öfteren das Gleichgewicht und stürzte zu Boden (>Kap.
1.3.2). Die Untersuchung einer Kinderärztin ergab, dass er
neurologisch vollkommen gesund sei und dass es sich nicht wie von den
Odones befürchtet, um einen Parasiten handeln konnte, den sich
der Knabe auf den Komoren eingefangen hätte. Als dann Lorenzos
Gehör nachliess, untersuchte ein HNO-Spezialist den Jungen, und
diagnostizierte eine
Gehörentwicklungsstörung.
Doch das Ehepaar Odone begnügten sich nicht mit dieser
Diagnose
und meldete Lorenzo an einer
gründlichen Untersuchung in der Kinderklink von Washington
DC
an. An diesem Krankenhaus
diagnostizierten die Ärzte 1984 die dazumal
unheilbare
Nebennierenentmarkungskrankheit
ALD. Die Ärzte von der Kinderklinik konnten nichts weiter
tun als die Familie an Dr.
Nikolais, einem anerkannten ALD-Spezialisten, weiterzuleiten. Dieser
führte
zu jener Zeit eine Diätstudie
an ALD-Betroffenen durch, die aber noch keine Früchte trug.
Nikolais klärte Michaela Odone darüber auf, das Lorenzo die
Krankheit unweigerlich von ihr geerbt haben muss
(>Kap. 1.2). Diese Tatsache belastete insbesondere Lorenzos
Mutter, da sie sich in gewisserweise
Schuldgefühle zuschob (>Kap. 2.2.1). Nikolais
Fettsäurediät, war wie schon beschrieben,
ein Reinfall. Anstatt die Fettsäuren zu reduzieren, nahmen deren
Gehalt nur noch zu.
In Boston sollte Lorenzo einer
Immunosuppressionstherapie unterzogen werden. Diese
brachen
seine Eltern aber ab, als sie
einsahen dass ihr Sohn nichts weiter als ein Experimentierobjekt
war.
Mit den Odones setzte sich bald
darauf die ALD-Stiftung in Verbindung. Diese Stiftung
sammelt
Spenden, organisiert
Beratungsstellen und verleiht den Eltern ALD-kranker Kinder das
Gefühl
nicht allein zu sein. Als die
Odones an einer solchen ALD-Konferenz teilnahmen erbrachten
sie
den Einwand, niemand würde an
die Kinder denken.
Das einzige Ziel, das die
ALD-Stiftung ihrer Meinung nach hatte, war das Befinden der Eltern
zu
verbessern. In Folge dieser
Konferenz beschlossen Augosto und Michaela ihr Schicksal in
die
eigenen Hände zu nehmen und
mehr über ALD zu erfahren. Ihre Recherchen in Bibliotheken
und
Universitäten trugen schon
nach kurzer Zeit Früchte. Der Mutter Lorenzos gelang es eine
Antwort
darauf zu finden, wieso ein
Fettsäureentzug aus der Nahrung, den Fettanteil im Gehirn
nicht
drosselt sondern anhebt. Eine
polnische Rattenstudie lieferte die Antworten hierfür.
Das
Losungswort war schlicht:
Biosynthese. Da der Organismus bei Fettentzug aus der Nahrung
selbst
Fettsäuren herstellt,
reichern sich trotz Diät Fettsäuren im Gehirn an.
Angetrieben von diesen
Erfolgen drängten die Odones
Prof. Nikolais, ein ALD-Symposium durchzuführen. Die
staatlichen
Zuschüsse blieben jedoch
aus(>Kap. 2.3). Nikolais begründete das wie folgt: "Wissen
sie wieviel
Menschen jährlich in den
Vereinigten Staaten an Pommes Frites ersticken. Wesentlich mehr als
an
den Folgen von
Adrenoleukodystrophie." 7Dem zum Trotz liessen sich Augosto und seine
Frau
nicht unterkriegen und stellten
die finanziellen Mittel für das Symposium selbst zur
Verfügung
(>Kap. 2.3). An diesem
Symposium erfuhren die Odones 1984, dass ein anderer
amerikanischer
Wissenschaftler an einer
Fettsäuremanipulation arbeitete, bei der die Fette der Nahrung
entzogen
werden und sogleich die
Biosynthese unterdrückt wird (>Kap. 1.4.2). Die Odones fingen
sofort mit der Ölsäure-Therapie an und konnten nur vier
Monate später einen 50 prozentigen Rückgang der
Fettsäurenanreicherung im Gehirn Lorenzos erkennen. Ihre
Euphorie wurde aber gedämpft, als es nur bei dem 50 prozentigem
Rückgang blieb. Lorenzo Zustand verschlechterte sich immerfort
und seine Eltern beschlossen, er solle in einer Sterbeklinik seine
letzte Ruhe finden. Trotz den
niederschmetterten Resultaten der
verheissungsvollen Fettsäuremanipulationstherapie und
der
psychischen Lage in der sich die
Odones befanden, beschlossen diese wieder in die Bibliotheken zu
gehen und weitere Lösungen zu suchen. Eines Nachts hatte Augosto
eine Vision (dies könnte ein filmischer Kunstgriff sein). Aus
irgendeinem Grunde (>Kap. 1.4.2) wirkte die Ölsäure nur
zu 50 Prozent. Einigen
biochemischen Tatsachen zu Grunde (>Kap. 1.4.2) zog Augosto den
Schluss, dass eine zusätzliche Verabreichung von Erucasäure
das Problem zu lösen vermochte. Da aber die
Herstellung von Erucasäure
mit grossem Aufwand verbunden war, fand sich zuerst niemand,
der
die chemische Pionierarbeit
leisten wollte. Vor allem auch aus dem Grunde, da es
vollkommen
unrentabel wäre. Letztlich
fand sich aber ein Kosmetika-Chemiker in London, der in
seinem
Lebensabend sagen wollte, nicht
nur Frauen zu Schönheit sondern auch Kinder zum Leben
verholfen zu haben. Nur kurze Zeit
nach Einführung der Öl-/Erucasäure-Therapie, die unter
dem
Namen Lorenzos Öl
berühmt wurde, war Lorenzo auf dem Besserungsweg. Als er wieder
sehen,
mit Hilfe eines Synthesizers Laute
von sich geben konnte und seine Gliedmassen wieder
beschränkt bewegen konnte,
setzten die Odones all ihre Kraft ein, um nun auch das Myelinproblem
zu lösen (>Kap. 1.3.1). Hierfür gründeten sich das
Myelin Projekt. 1992 drehten die Universal Studios
fasziniert von dem Manne, der kein Wissenschaftler war und doch
seinem totgeschriebenen Sohn ein Heilmittel erfand, den Film
"Lorenzos Öl". Der Film verhalf der Adrenoleukodystrophie
zu einer weltweiten
Bekanntschaft.
Im Frühjahr 1997 konnte ich
auch ein gewisses Interesse für ALD in der Schweiz beobachten.
Ein
Privatsender aus Zürich
berichtete über einen von sechs bekannten ALD-Fällen in der
Schweiz, von Florian Wiesler aus Zürich, gewissermassen der
"Schweizer Lorenzo". Auch Florian wurde mit Lorenzos Öl
behandelt.
Dieses Kapitel behandelt ALD
als Krankheit, die unheilbar ist. Auch das Vorhandensein
der
Therapiemöglichkeit mit
Lorenzos Öl garantiert nicht ein normales Leben, sondern im
besten Fall
verlängertes. Wichtig ist zu
bezeichnen, dass die emotionalen Stadien, die man nach der
Diagnose
von ALD durchläuft, vor und
nach der Entwicklung von Lorenzos Öl fast identisch sind. Das
soll
aber nicht weiter
verwirren.
Bei allen unheilbaren Krankheiten
(müsste man ALD korrekt beschreiben, so würde man
wohl
sagen ALD sei "halbunheilbar", was
auch immer das bedeuten mag) durchlaufen die Betroffenen
zuerst Schock, dann Verleugnung,
Wut, Depression und schliesslich Akzeptierung8.
Es ist wichtig anzumerken, dass
ALD nicht nur körperliche sondern auch geistige Probleme
mit
sich bringt, jene geistigen
Probleme, die viele Ärzte nicht als solche anerkennen. Wenige
wissen,
was in Menschen vorgeht, die
wissen, ihr Leben, wird nie mehr so sein wie vorher. Für die
ALD-
Jungen, die ja schon mit 5 Jahren
erkranken, ist der psychische Schmerz genauso gross, wie
bei
ihren Eltern, die zusehen
müssen, wie ihr Kind von Tag zu Tag seine Körperfunktionen
verliert.
Sicherlich trug Lorenzos Öl
dazu bei, neue Hoffnungen aufzubauen, und die Ausweglosigkeit
zu
dämpfen, doch gelöst ist
das Problem mit dem "Amateur-Ölchen" noch lange nicht, auch wenn
die
Gründe hierfür nicht
bekannt sind. So werden auch heutzutage Menschen, die eine
ALD-Diagnose
vernehmen werden, emotionale
Schwankungen durchlaufen.
2.2.2 sozial-familiäre Probleme
Wie immer wenn Menschen von
Krankheiten befallen werden, bilden die Betroffenen einen Kokon um
sich, sie schotten sich ab und brechen Kontakte zu Freunde und
Verwandten ab. Menschen, die sich in emotionalen Tiefen befinden,
sind nicht in der Lage, soziale Kontakte zu pflegen. Vor allem die
Nichtbetroffenen haben Mühe mit denjenigen umzugehen, denen das
Schicksal einen Strich durchs Leben zog. Viele bevorzugen es demnach,
mit Menschen in emotionalen Tiefen nicht
übermässige Bindungen
einzugehen, natürlich auch, um keine Fehler zu begehen. Oft
machen es
die Betroffenen der Umwelt nicht
leicht. Ihre abneigende Haltung und Reizbarkeit lässt
viele
Menschen, die ihnen einst nah
standen, auf Distanz gehen. Besonders schmerzlich sind die
gegenseitigen Beschuldigungen und
Eigenvorwürfe. Ehepaare, die Schweres durchmachen,
gehen
letztlich in der Zeit, in der sie
sich am meisten brauchen würden, auseinander. Bei ALD ist
es
bekannt, dass vor allem Väter
nach Diagnosestellung von ALD das Weite suchten. Die
Eltern
können sich nicht mehr
berühren und befremden sich. Die finanziellen Probleme
erleichtern die
Situation nicht gerade. Zwar
könnte man meinen mit Lorenzos Öl sei eine
hundertprozentige
Heilung von ALD garantiert, da
dies aber weitaus verfehlt ist, bleiben auch heute jene
sozial-
familiären Probleme nicht
aus. Noch immer gilt ALD als "unheilbar", da man es nicht
vollständig
bekämpfen kann. Uns wird es
sicher bekannt sein, dass auch Krankheiten, die heute als
"Nullproblem" oder "Lappalie"
bezeichnet werden, emotionale Probleme hervorrufen
können.
2.3 Das Problem mit seltenen Krankheiten
Seltene Krankheiten - wie ALD -
nur gerade jeder 500'000ste hat sie - in der Schweiz sind
sechs
Fälle bekannt -, sind oft mit
vielen Problemen verbunden. So rechtfertigt die geringe Zahl
der
Erkrankungen in den meisten
Fällen keine staatlichen Zuschüsse, somit Forschungsgelder
und
Heilungsschancen. Oft existieren
nur spärliche Informationsquellen, wenn überhaupt, und
an
Wissenschaftler, die sich auf
dieses Gebiet spezialisiert haben, mangelt es ebenfalls. Oft sind
Leute, die an seltenen
Krankheiten leiden, oder Fälle in der Familie haben, mit ihren
Problemen alleine, da viele
Ärzte und Psychologen, sowie der grösste Teil der
Bevölkerung keine Ahnung haben, von
was man spricht. Das hat zur
Folge, dass man zum Teil auch missverstanden wird, dass
Menschen
aus Unverständnis die eigene
Krankheit verharmlosen. Patienten, die an seltenen
Krankheiten
leiden, sind demnach unweigerlich
dem Tode geweiht, da niemand an der Erforschung ihres
Leidens arbeitet. ALD, als eine
der seltensten Krankheiten überhaupt, wäre der typische
Kandidat für eine
solch' nie erforschte Krankheit geworden, wäre da nicht ein
couragierter Vater eines ALD-kranken Kindes gewesen. Er, der als
Laie, das Rätsel der Krankheit zu lösen versuchte.
Dies beweist doch nur, dass
jene Wissenschaftler, die an der Erforschung von ALD arbeiteten
nicht voller Tatendrang und
Effizienz an die Sache herangingen, denn wie erklärt sich sonst,
dass ein Laie in ein paar
Monaten, dass schaffte was eine Handvoll Wissenschaftler in zehn
Jahren nicht zu schaffen
vermochte. Die Errungenschaften von Augosto Odone sind in bezug auf
ihre Wirksamkeit ja
bekanntlich trotzdem zweifelhaft. Waren die eigene Betroffenheit und
der starke Wille Drang genug,
um zu versuchen, das ALD-Rätsel zu lösen, oder forschten
die Wissenschaftler aus Geld- und
Motivationsmangel bloss vor sich hin ?! ALD sollte für viele ein
Beispiel sein, dass gegen viele
seltene Krankheiten Heilung gefunden werden könnte, forsche man
nur reichlich intensiv. Das Argument
von wegen selten kann nicht toleriert werden, denn letztlich haben
alle Menschen das Recht auf
Leben?! Für ethische Betrachtungen bleibt mir leider kein Platz
mehr.
Ich hoffe, dass man auch wenn
ALD eine komplexe und sehr schwer durchschaubare Krankheit ist,
verstanden hat, was ich mit dieser Arbeit aussagen wollte. Es war
nicht leicht, die
widersprüchlichen Quellen zu
werten und in englisch- und deutschsprachiger Fachliteratur
nach
Antworten zu suchen. Die
aktuellsten Berichte entnahm ich einer medizinischen Datenbank
aus
dem Internet. Sollten
Informationen dem zum Trotz veraltet oder schlicht falsch sein, so
bitte ich zu
berücksichtigen, dass alle
Informationen der Literatur, dem Film und dem Internet
entstammen.
Dort wo mir Argumentationen zu aus
der Luft gegriffen erschienen, habe ich meine
persönlichen
Kommentare abgegeben. Das
Geschriebene erscheint manchmal ein wenig widersprüchlich.
Allen
Problemen zum Trotz bin dennoch
froh, dieses Thema behandelt zu haben, denn es war eine grosse
Herausforderung für mich.
Ich hoffe diese Arbeit bringt
einen Funken Licht hinter die Schattenseiten der Krankheit ALD,
die
auch heute noch so unerforscht
ist, wie keine zweite, auch wenn Grundüberlegungen gefestigt
sind.
ALD ist eine Krankheit, die das
Unglück hat, selten zu sein, und darum weniger beachtet als
AIDS oder Krebs. Dabei
vergisst man aber, dass auch an ALD Menschen sterben !
Joni Kreutner, 1997
- Abitur Wissen Biologie,
Lense, Frankfurt am Main 1992
- Abitur Wissen Chemie,
Glöckner, Frankfurt am Main 1992
- Adrenoleukodistrophy and other
peroxisomal disorders, Uziel / Wanders / Cappa,
New York 1990
- Biologieunterlagen
- Der Chemie Schülerduden,
Engesser, Mannheim 1988
- Gehirn und Nervensystem,
Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1988
- Genetik in Cartoons, Gonick /
Wheelis, Berlin 1989
- Lorenzos Öl, Drehbuch:
Miller / Enright, Universal City Studios Inc. 1992
- Medline Information, 1990-1996,
runtergeladen vom Internet 1997
- Multiple Sklerose, Rosner /
Ross, Hamburg 1996
- Natura, Fehrmann / Wiemers,
Stuttgart 1991
- Prinzipien der Biochemie,
Lehniger / Nelson / Cox, Berlin 1994
(c) Alle Rechte vorbehalten, Joni Kreutner 1998
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