Vorwort der Online-Ausgabe

ALD ist eine der seltensten Krankheiten überhaupt. Deswegen existieren keine populärwissenschaftliche Abhandlungen darüber, und schon gar nicht in deutscher Sprache.
Dem versuchte ich nachzuhelfen, indem ich für meine Biologie-Abschlussarbeit das Thema
ALD auswählte. Aus Speicherplatzgründen konnte ich Grafiken, Tabellen und Fotos nicht
online laden.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Einleitung - ALD, Was ist das?!


1.0 Wissenschaftliche Betrachtung
      1.1 Biochemische Grundlagen zur Störung des Fettsäurestoffwechsels
            1.1.1 Abbau von Fettsäuren (Fettsäure-Beta-Oxidation)
            1.1.2 Körpereigene Produktion von Fettsäuren (Fettsäure-Biosynthese)
            1.1.3 Einwirkungen des / in den Hormonhaushalt (Endokrine Faktoren)
      1.2 Genetische Grundlagen zu ALD
       1.3 Folgen von ALD
            1.3.1 Primäre Folgen von ALD - Meyelinschäden
            1.3.2 sekundäre Folgen von ALD -Gehör- Seh-, Sprechstörungen etc.
       1.4 Lösungsansätze für die Heilung von ALD
            1.4.1 Knochenmarktransplantationen
            1.4.2 Die Hoffnung naht ... - Öl-/Erucasäuretherapie (Lorenzos Öl)


2.0  Menschliche Betrachtung
      2.1 Die Geschichte des Lorenzo Odone
     2.2 Tertiäre Folgen von ALD
            2.2.1 Emotionale Probleme
            2.2.2 Sozial-Familiäre Probleme
      2.3 Das Problem mit seltenen Krankheiten


Nachwort
Quellennachweis
 

Vorwort

Vor genau einem Jahr sah ich im Fernsehen einen Spielfilm über einen Jungen namens Lorenzo
Odone, der an ALD litt. Lorenzos Vater, ein ganz gewöhnlicher Mann, ging der wohl seltensten
Krankheit auf den Grund, um zu verstehen und womöglich, um Heilungschancen zu eruieren. Der
Film liess mich nicht mehr los. Immer wieder stöberte ich in Lexika und Internet-Seiten nach. Doch Informationen gab es fast keine. Ich beschloss, müsste ich mal eine Arbeit schreiben, so wäre ALD mein Thema. Und nun bot sich mir die Möglichkeit...
Es war für mich sicherlich keine leichte Aufgabe, diese Arbeit zu schreiben. Erstens existiert fast
keine Literatur über dieses Thema, und wenn, dann ist diese in Englischer Sprache. Zweitens
wissen die wenigen Wissenschaftler und Mediziner, die wenigstens den Namen dieser Krankheit
kennen, noch fast nichts. Noch immer sind viele Mechanismen um ALD unklar. Drittens existieren
keine Texte, die ALD vollständig beschreiben, nur einzelne Bruchstücke, geschrieben von
Wissenschaftler in der ganzen Welt, die sich womöglich nicht kannten. Demnach ist es nicht
verwunderlich, dass sich einige Aussagen widersprechen. Viertens wäre es von Nutzen gewesen,
um diejenigen spärlichen Dinge, die man mit Sicherheit weiss, zu verstehen, hätte man ein breites
biologisches, chemisches und medizinisches Wissen.
All diesen Schwierigkeiten zum Trotz habe ich mich entschlossen an diese Arbeit heranzumachen,
denn meiner Meinung nach ist die Herausforderung, die ein solches Thema bringt, von grosser
Wichtigkeit. Ich wäre wohl kaum zufrieden, hätte ich irgend ein Thema nachgekaut, dass schon
Tausende vor mir bearbeitet haben.
Auch wenn dies mit viel Arbeit verbunden war, so bereue ich es nicht, diese Arbeit geschrieben zu
haben, denn nun weiss ich endlich, was sich hinter dem "Geheimnis ALD" verbirgt.

Einleitung - ALD, was ist das ?!

Bei ALD, der Adrenoleukodystrophie, oder zu Deutsch der Nebennierenentmarkungskrankheit,
handelt es sich um eine peroxisomale Krankheit, d.h. eine Krankheit, die in den Peroxisomen
(Organellen in der menschlichen Zelle) zu tragen kommt.
Das Enzym, das die sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren (>C22) in den Peroxisomen abbauen
sollte, ist defekt oder fehlt ganz. Somit können die sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren (gesättigt,
weil sie nur Einfachbindungen zwischen den C-Atomen besitzen), und die nur in den Peroxisomen
abgebaut werden können, nicht in ihre kleineren Spaltstücke zerlegt werden. Dadurch nimmt der
Gehalt dieser sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren, insbesondere von C24 und C26, zu. Aus
welchem Grunde, diese sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren nur ausschliesslich in den
Peroxisomen abgebaut werden können, also die Beta-Oxidation durchlaufen, ist nicht bekannt. Der
Defekt dieses Enzym (peroxisomale sehrlangkettige Fettsäure-CoA-Synthetase1) ist
geschlechtschromosomengebunden, genauer gesagt, das Gen, dass das "SLKF-Enzym" codieren
sollte, liegt in der Xq28-Region des X-Chromosomes. Somit können nur Männer an ALD
erkranken, da nur sie ein einziges X-Chromosom besitzen. Ist das "ALD-Gen" auf dem männlichen X-Chromosom zu finden, so erkranken die Männer (XY); im Gegensatz zu den Frauen, die in
Folge ihrer Geschlechtschromosomenkombination (XX) zwei X-Chromosomen besitzen. Ist
nämlich ein weibliches X-Chromosom mit dem ALD-Gen bestückt, so haben die Frauen noch ein
zweites, gesundes X-Chromosom. Somit ist die Frau die Konduktorin (Trägerin), das heisst: ALD
wird ausschliesslich von der Mutter auf den Sohn übertragen. Wie der Gendefekt entstanden ist, ist noch ebenfalls unklar. Eine Mutation wäre jedoch nicht auszuschliessen, wobei keine geografische
Präferenzen untersucht wurden. Das heisst, es konnte nicht beobachtet werden, dass die Mutation,
die zu ALD führt, in einigen Regionen häufiger ist als in anderen. Die Tatsache, dass keine Fälle
von ALD-Erkrankungen auf dem afrikanischen Kontinent (mit Ausnahme Südafrikas) bekannt
sind, erklärt sich wohl mit der Unwissenheit bezüglich der Adrenoleukodystrophie in den
entsprechenden Regionen.
Ist einmal der C24 und C26-Gehalt erhöht, so reichern sich diese "ungekürzten" Fettsäuren im
Gehirn an und zerstören die Myelinscheide, die Schutzhülle der Nervenstränge im Gehirn. Wie
weit die Anreicherung der sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren die Myelinscheide beschädigt,
kann nur vermutet werden.
Der Myelinschwund kann fatale Folgen für den Knaben haben, die insbesonders zwischen dem 4.
und 10. Lebensjahr auftreten. So verursacht der Myelinschwund anfänglich beispielsweise
plötzliche Anfälle, Seh-, Gehör-, Sprach- und Schluckstörungen, bis letztlich eine
Vollkörperlähmung einsetzt und der Patient dem Tod geweiht ist. In manchen Fällen treten auch
Hautveränderungen auf, die auf die Nebennierenschäden, die die sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren verursachen, zurückzuführen sind. Zwar trägt die Krankheit in ihrem Namen das Wort
"Nebennieren-", aber es gibt wohl nichts Zweifelhafteres an ALD als die endokrinen Folgen, da
man beobachten konnte, dass einige ALD-Patienten gar nicht an Nebennierenproblemen litten.
Dem zum Trotz wurden einige endokrine Überlegungen getätigt, insbesondere diejenige, wonach
die Anreicherung von sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren in der Nebenniere die ACTH-Aktivität
beeinträchtigt und somit Nebennierenschäden verursacht.
Da nur gerade jeder 500'000 an ALD leidet, sind Forschungsgelder für Wissenschaftler, die die
Krankheiten untersuchen, rar.
ALD wurde 1923 zum ersten Mal beschrieben und erhielt erst 50 Jahre später überhaupt einen
Namen. Einige Wissenschaftler versuchten in den 80-er Jahren den Myelinschwund bei ALD-
Patienten zu drosseln, indem sie diese mit einer Diät behandelten, wonach alle Fettsäuren der
Nahrung entzogen wurde. Diese Diät zeigte keinerlei Wirkung. Lange waren die Wissenschaftler
ratlos bis Augusto Odone, der Vater eines ALD-kranken Kindes herausfand, dass der Körper seinen Fettsäuremangel kompensiert, indem er durch Biosynthese selbst Fettsäuren herstellt. Ausserdem erkannte er, wenn man der Nahrung C24 und C26 entziehe, und dem ALD-Patienten Ölsäure (C18) verabreiche, so würde die Biosynthese von C24 und C26 zu 50 Prozent gedrosselt, da dasjenige Enzym, das beim Abbau der sehrlangkettig-ungesättigten Fettsäuren (C18) eine Schlüsselrolle einnahm, das gleiche war, wie dasjenige, das bei der Biosynthese der sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren (C24 und C26) involviert war. Verabreichte man dem Körper nun Ölsäure, so wurde das Enzym gewissermassen abgelenkt. Man spricht dann von kompititiver Hemmung. Da die Ölsäure-Therapie nur zu 50 Prozent Wirkung zeigte, wurde den Patienten darauf Ölsäure und Erucasäure (C22) verabreicht. Die Heilung von ALD schien in Sicht. Immerhin wurden kurzfristige Erfolge verbucht. Doch auch die Ölsäure-Erucasäure-Therapie (Lorenzos Öl) ist keine endgültige Heilung.
Deswegen wird auf anderen Gebieten ebenfalls geforscht. So versucht man beispielsweise anhand
von Knochenmarktransplantationen, Erfolge zu erzielen. Jedoch mit einigen Ausnahmen ebenfalls
ergebnislos.
In dieser Arbeit werde ich auch auf diejenigen Folgen eingehen, die unheilbare Krankheiten im
allgemeinen verursachen: Depressionen, soziale und finanzielle Probleme.

1.0 wissenschaftliche Betrachtung

1.1 biochemische Grundlagen zur Störung des Fettsäurestoffwechsels

1.1.1 Abbau von Fettsäuren (Fettsäure-Beta-Oxidation)

Der Weg der Fettsäuren von der Aufnahme durch den Mund
und bis zum Eintritt in die Zelle

Wie sicherlich schon bekannt, teilt man die aufgenommene Nahrung in drei Hauptgruppen ein -
Proteine ; Kohlenhydrate und  Fette - . Da es sich bei ALD um eineFettsäurestoffwechselkrankheit handelt, werde ich ausschliesslich den Weg der Fette beschreiben:
Nach der Nahrungsaufnahme durch den Mund gelangen die Fette durch die Speiseröhre in den
Magen, wo von Salzsäure vor allem Keime abgetötet werden. Kräftige Muskelbewegungen
befördern die "gereinigte" Nahrung dann in den Zwölffingerdarm, wo der aus der Gallenblase
stammende Gallensaft die grösseren Fetttropfen in kleinere zerteilt. Der Gallensaft enthält
Gallensalze, wie zum Bsp. Taurocholsäure, die in der Leber aus Cholesterin synthetisiert, in der
Gallenblase gespeichert und dann in den Dünndarm abgegeben wird, um die Fette zu spalten (1). In einem weiteren Schritt zerteilen Enzyme, - mit Namen Lipasen -, die aus der Bauchspeicheldrüse stammen, die Fette in Glycerin und Fettsäuren (2). Die nun aus den Fetten gespaltenen Fettsäuren werden von der Darmschleimhaut aufgenommen und in Triacylglycerine umgewandelt (3).   Wobei   Triacyglycerine, auch Neutralfette genannt, aus drei Fettsäuren, die jeweils über eine Esterbindung* mit einem einzelnen Glycerinmolekül verbunden sind, bestehen.
(Glycerine sind Ester, das heisst unter Wasserabspaltung entstandene Verbindungen, des
dreiwertigen Alkohols; Fettsäuren sind dagegen Kohlenwasserstoffketten. Binden nun Fettsäuren
und Glycerine, so nennt man diese Bindung: Esterbindung*).
Dabei ist es wirklich so, dass die Fette anfänglich im Dünndarm in Glycerin und Fettsäuren
gespalten und dann in der Darmschleimhaut wieder zusammengefügt werden. Die entstandenen
Triaglycerine werden zusammen mit Cholesterin und Apoproteinen (fettbindende Eiweisse, die für
den Transport    verantwortlich sind)  zum  Chylomikron gepackt (4). Als Chylomikron bezeichnet man einfach jene kugelige Struktur, welche das Cholesterin mit den fettbindenden Eiweissen und den Triaglycerinen bildet. Diese Chylomikronen wandern dann über das Lymphsystem und die Blutbahnen ins Gewebe (5). In den Blutkapillaren aktiviert ein Enzym - das apoC-II - die Lipidproteinlipase, ein anderes Enzym, das wiederum die Fettsäuren und das Glycerin freisetzt (6). Die Fettsäuren treten nun in die Zelle ein, wo die eigentliche Beta-Oxidation abläuft (7).
Die Überreste der Chylomikronen wandern durch die Blutbahnen in die Leber, wo sie neue
Triaglycerine binden und diese dann als Fetttröpfchen speichern. Diese "schlummernden"
Fettreserven können dann von bestimmten Hormonen wie Adrenalin oder Glukagon aktiviert
werden (>Kap. 1.1.3).

die eigentliche Oxidation

Die nun in die Zelle eingetretenen Fettsäuren werden sowohl in den Mitochondrien- den
Kraftwerken der Zelle - als auch in den Peroxisomen abgebaut. Dabei fand man heraus, dass die
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren nur in den Peroxisomen abgebaut werden können.
Bei manchen Oxidationsreaktionen beim Abbau von Aminosäuren und Fetten entstehen freie
Radikale und Wasserstoffperoxid (H2O2). Diese sehr reaktionsfreudigen Verbindungen könnten
den Zellapparat schädigen. Damit aber die Zelle gegen solche gefährliche Nebenprodukte geschützt ist, finden die betreffenden Reaktionen abgetrennt in kleinen Vesikeln (Bläschen) statt, den Peroxisomen. Ob dies der einzige Grund ist, wieso die  sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren in den Peroxisomen abgebaut werden, oder ob ein tiefgründiger Evolutionsgedanke dahinter steckt, ist noch weitgehend unklar. Ausserdem ist es nicht bekannt wie der Organismus die Selektion durchführt.
An dieser Stelle möchte ich erklären, dass alle Fettsäuren, die mehr als 22 Kohlenstoffatome
besitzen zu den sehrlangkettigen Fettsäuren gezählt werden. Gesättigte sind wiederum jene die nur
Einfachbindungen zwischen den Kohlenstoffatomen haben ( C-C ). Wobei die allgemeine
Schreibweise folgendermassen aussieht: Anzahl der Kohlenstoffatome ":" Anzahl der
Doppelbindungen. (Bei einer Fettsäure mit 12 Kohlenstoffatomen und einer Einfachbindung, also
gesättigt, würde die Formel so aussehen; 12:0 ).
Zurück nun zu den sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren, die ausschliesslich in den Peroxisomen,
im Unterschied zu den langkettigen, die in den Mitochondrien abgebaut werden. Hier beginnt das
Problem von ALD-Patienten. Diesen fehlt nämlich dasjenige Enzym, das in  einen dieser
Fettsäureabbauschritte gebraucht wird. Der Name des Enzym ist peroxisomale sehrlangkettige
Fettsäure-CoA-Synthetase oder wie schon in der Einleitung vermerkt abgekürzt als SLKF-Enzym.
Enzyme sind Eiweisse, die chemische Vorgänge beschleunigen. Da die sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren, insbesondere C24 und C26, nicht abgebaut werden können, sammeln sich diese im
Gehirn an und verursachen Schäden an der Myelinscheide.
(>Kap. 1.3.1) Die peroxisomale sehrlangkettige Fettsäure-CoA-Synthetase, heisst "peroxisomale", da sie, wie es der Name schon sagt, in den Peroxisomen aktiv ist. CoA steht dabei für Koenzym und Synthetasen sind Enzyme, die Kondensationen katalysieren, das heisst diese beschleunigen. Müsste man den Synthetasen einen deutschen Namen geben, so würde man sie womöglich "Molekülspaltungsbeschleuniger" nennen. Synthetasen sind eine Untergruppe der Enzymhauptgruppe der Lipasen.
Koenzyme sind dabei Nichteiweissanteile, die sich mit dem Eiweissanteil, dem Apoenzym
verbinden. Der Koenzym-Apoenzym-Komplex wird Holoenzym genannt. Diejenige Substanz, die
vom Enzym - hier SKLF-Enzym - umgesetzt werden soll, nennt man Substrat. In unserem Falle ist
es also so, dass das Substrat, die Fettsäuren, sich mit dem Enzym binden, wobei die eigentliche
Wirkreaktion vom aktiven Enzymzentrum aus erfolgt. Enzyme funktionieren eigentlich nach dem
Schlüssel-Schlossprinzip. Das aktive Enzymzentrum ist dabei das Schloss und das Substrat der
Schlüssel.
Die Beta-Oxidation von sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren (SKLF) in den Peroxisomen
läuft bei gesunden Menschen wie folgt ab: Bevor die eigentliche Beta-Oxidation (Abbau) erfolgen
kann, müssen die Fettsäuren aktiviert werden. Dies ist die Aufgabe des SKLF-Enzym, das ja
bekanntlich bei ALD-Patienten fehlt oder defekt ist. Nach der Aktivierung durch das SKLF-Enzym entsteht als Produkt die Fettsäureacyl-CoA (1). Der ganze Vorgang findet in den Membranen der Peroxisomen statt. Im Unterschied zum Abbau kurzkettigerer Fettsäuren in den Mitochondrien, müssen die Fettsäuren nicht in Carnitin umgewandelt werden, um die Organellenporen zu diffundieren (durchdringen). Ein dazu speziell gebildetes Eiweiss, das nicht benannt ist und dessen Funktionsweise den Wissenschafter noch Rätsel aufwirft, ist dabei beteiligt. Nun beginnt die eigentliche Oxidation im Inneren der Peroxisomen. In einem weiteren Schritt werden durch die Acyl-CoA-Oxidase (2) ("Elektronenabspalter") angetrieben Wasserstoff (H) oder Elektronen direkt an den Sauerstoff (O2) unter Bildung von Wasser abgegeben. Dabei bleibt als Produkt die 2-trans-Enoyl-CoA (3)zurück. Diese hat anstelle einer Einfachbindung eine Doppelbindung zwischen dem zweiten und dritten Kohlenstoffatom. Darauf fügt die Enoyl-CoA-Hydratase (4) ("Wasserbinder") dem Produkt Wasser hinzu. Hierbei entsteht die -Hydroxy-acyl-CoA (5) (auch 3-Hydroxyacyl-CoA genannt), die am zweiten Kohlenstoffatom der Fettsäure-Restgruppe eine Hydroxid-Gruppe (OH) besitzt. In der dritten Stufe wird das entstandene Produkt durch die Beta-Hydroxyacyl-Dehydrogenase (6) ("Wasserstoffabspalter") zu -Ketoacyl-CoA (7) abgebaut. Wobei NAD+, der Wasserstoffträger, die Elektronen aufnimmt und somit zum NADH wird. Im letzten Schritt nun bindet die Thiolase (8) ("Koenzymbinder") ein Molekül des freien Koenzyms A an die Beta-Ketoacyl-CoA. Dabei wird am Ende der Kohlenwasserstoffgruppe ein Fragment aus zwei Kohlenstoffatomen als Acetyl-CoA abgespalten. Das dabei entstandene Produkt ist das um zwei Kohlenstoffatome kürzere Koenzym-A-Thioester (9). In weiteren Abfolgen werden alle vier Schritte wiederholt. Bei jeder erneuten Abfolge ist die Kette um 2 Kohlenstoffatome kürzer.
Da bei ALD-Patienten dasjenige Enzym fehlt, das die sehrlangkettigen Fettsäuren zum Abbau
vorbereitet, kann keine Beta-Oxidation erfolgen. Somit können auch keine sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren abgebaut werden. Die nicht gekürzten sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren lagern sich
im Gehirn an und verursachen Hirnschäden.
Kurz repetiert werden alle sehrlangkettigen Fettsäuren, die ja in den Peroxisomen abgebaut werden müssten, bei ALD-Patienten nicht abgebaut, aber nur die sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren sind für den Organismus schädlich. Alle kurzkettigeren Fettsäuren (C22>) werden bekanntlich in den Mitochondrien abgebaut und dort funktioniert der Abbau gut, da alle beteiligten Enzyme intakt sind.

1.1.2 körpereigene Produktion von Fettsäuren (Fettsäure-Biosynthese)

Dieses Kapitel über die Fettsäure-Biosynthese werde ich nicht in all seinen biochemischen
Einzelheiten ausführen, da es für das Verständnis von ALD nur beschränkt von Interesse ist. Im
Kapitel über Lorenzos Öl (>Kap. 1.4.2) spielt die Fettsäurebiosynthese insofern eine Rolle, weil sie dessen Wirksamkeit herabsetzt. Die genauen Vorgänge sind aber nicht so von Interesse, da die Wissenschaftler in bezug auf die Gemeinsamkeiten von Fettsäureabbau-und aufbau noch
weitgehend im trüben fischen. Nichtdestotrotz sollten die groben Züge der Fettsäurebiosynthese
erläutert werden. Dies kann in wenigen Sätzen erfolgen:
Ohne Fette könnte der Organismus nicht überleben. Fette werden unter anderem zum Aufbau von
Pigmenten, Gallensalzen, Hormonen und der Myelinscheide (>Kap. 1.3.1) genutzt. Der Körper
nimmt zwar durch die Nahrung ausreichend Fette auf, die er ebenfalls zu speichern vermag, aber
die Evolution hat wahrscheinlich nach dem Motto gehandelt: "Doppelt hält besser". Nicht nur, dass
der Körper zusätzlich zu den Fetten aus der Nahrung noch Fette benötigt, sondern er sollte ja bei
einem Ausfall derjenigen Fette, die der Nahrung entstammen, auch selbst welche herstellen
können. Genau dieser, eigentlich evolutionstechnische sinnvolle Gedanke, wird den ALD Patienten
zum Verhängnis (>Kap. 1.4.2).
Bei der Fettsäurebiosynthese  werden in vier Stufen aus einer Malonylgruppe gesättigte
Acetylgruppen gebildet, die dann wieder in komplizierten Abfolgen zu Malonyl umgebaut werden.
Bei jedem dieser Durchläufe durch den Kreislauf verlängert sich die Fettsäureacylgruppe um zwei
Kohlenstoffatome. Hat die Kette eine Länge von 16 Kohlenstoffatome erreicht, verlässt das
Produkt, Palmiat genannt, den Kreislaufprozess. Alle Reaktionen innerhalb dieses Kreislaufes
werden von einem Enzym namens Fettsäure-Synthase (" energiebenötigende Molekülspalter")
durchgeführt. Palmiat (auch: Palmitinsäure ist eine gesättigte Fettsäure.
Wird diese um weitere Kohlenstoffatome verlängert, entsteht die Stearinsäure, die bei weiteren
Verlängerungen zu noch längeren gesättigten Fettsäuren, wie C24 und C26, wird. C24 und C26
sind für ALD-Patienten schädlich, da sie nicht abgebaut werden können.

1.1.3 Einwirkungen des / in den Hormonhaushalt (endokrine Faktoren)

Zwar trägt die Krankheit ALD in ihrem Namen die Bezeichnung "Nebennieren-", aber es gibt wohl nichts, was mehr Zweifel aufwirft als die Beziehung zu dieser wichtigen Hormondrüse. Einigen
Experimenten zur Folge beobachteten Wissenschaftler, dass erhöhte Mengen von sehrlangkettig-
gesättigten Fettsäuren, wie Lignocerinsäure (C24) und Hexacosansäure (C26) die Aktivität des
adrenokortikotropen Hormon (ACTH) verändert. Dies hat wiederum Nebennierenschäden zur
Folge. Genauer beobachtet glaubten die Forscher, dass "ungekürzte" Fettsäuren die
Nebennierenzellen auf ACTH-Stimulationen nur unzureichend reagieren lassen. Dies wiederum
folgt aus der Tatsache, dass diese "ungekürzten" Fettsäuren womöglich einige Hormonrezeptoren
unterdrücken. Allerdings sollte man anmerken, dass die Unterdrückung jener Hormonrezeptoren
durch Zufügung von ACTH überwunden werden könnte. Die Unterdrückung der
Hormonrezeptoren führt zu Veränderungen im Nebennierengewebe und zur Verkümmerung von
Nebennierenzellen. Ein weiterer Beweis für die Abnormalität von ACTH-Bindungsrezeptoren
liefert eine Untersuchung, die bei weissen Blutkörperchen  ALD-kranker Kinder keine ACTH-
Bindungstellen ausfindig machen konnte. Dem zum Trotz entdeckte eine andere Forschungsgruppe, dass Testergebnisse, insbesondere im Anfangsstadium der Krankheit, täuschen können.
Wie sicherlich bekannt, stimuliert ACTH die Kortikoide-Bildung, von denen insbesondere die
Glukokortikoide (Cortisol) von Interesse sind, da diese Hormone im Kohlenhydratestoffwechsel
und demnach auch im Fettsäurestoffwechsel eine entscheidende Rolle spielen. Ein weiteres
Nebennierenhormon, das den Fetthaushalt reguliert, ist Adrenalin. Dessen Wirkung bei ALD-
Patienten konnte zur Zeit noch nicht untersucht werden.
Leider muss ich hier eingestehen, dass sich die Wissenschaftler zur Zeit mit der Tatsache
begnügen, dass sehrlangkettig-gesättigte Fettsäuren Nebennierenschäden verursachen können, und sich noch nicht um die Frage kümmerten, wieso denn eigentlich sehrlangkettig-gesättigte
Fettsäuren die Hormonrezeptoren unterdrücken. Dies ergründet sich einerseits aus der Tatsache,
dass ALD eine sehr seltene Krankheit ist und andererseits, muss man einfach eingestehen, dass die Nebennierenschäden im Verhältnis zum Myelinschwund, wohl das kleinere Übel sind.
Alle genannten Tatsachen hindern mich nicht daran folgende offensichtliche Schlussfolgerung zu
ziehen: Die molekulare Struktur von "ungekürzten" Fettsäuren passt irgendwie wie der Schlüssel
zum Schloss auf die ACTH-Rezeptoren, dabei werden diese blockiert, und das ACTH kann nicht
mehr normal wirken. Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist, wieso die "ungekürzten"
Fettsäuren nur die ACTH-Rezeptoren blockieren. Ist dies nur Zufall oder stecken tiefsinnigere
Evolutionsgedanken dahinter ? Könnte es sein, dass die Blockierung erfolgt, um die
Cortisolstimulation zu unterdrücken, um wiederum den eh' nicht funktionsfähigen Abbau von
sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren abzustellen ? All dies sind Fragen, die noch lange
unbeantwortet bleiben werden.

1.2 genetische Grundlagen zu ALD

ALD ist eine geschlechtschromosomengebundene Krankheit. Genauer gesagt, das Gen auf dem X- Chromosom, das das SKLF-Enzym codieren sollte, fehlt oder ist defekt. ALD wird ausschliesslich von der Mutter auf den Sohn übertragen. Die Mutter ist dabei Trägerin oder mit dem Fremdwort Konduktorin. Da Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, können sie nicht erkranken, da sie auf jeden Fall ein gesundes X-Chromosom besitzen. Knaben dagegen, die ein mit dem ALD-Gen bestücktes X-Chromosom haben, erkranken zwangsläufig, da sie nur ein X-Chromosom haben.
Sicherlich besteht rein theoretisch die Möglichkeit, dass auch Frauen an ALD erkranken. Da aber
nur gerade jede 500'000 Frau die Krankheit in sich trägt, und bis vor wenigen Jahren ALD-kranke Jungen das zeugungsfähige Alter nicht erreichten, ist es wohl eher unwahrscheinlich, das eine
ALD-Konduktorin mit einem ALD-Patienten, der durch die Behandlung mit Lorenzos Öl nicht
vom Tode eingeholt wurde, ein Kind zeugen.
Auch dann stünden die Chancen 1:3, dass das Embryo-Mädchen gerade das beschädigte X-
Chromosom von der Mutter und vom Vater erhalten würde. Ausserdem können sich Ehepaare
heute einer Untersuchung unterziehen, wobei möglichen Erbkrankheiten erkannt werden können.
Bleibt diese aus kann man mit einer vorgeburtlichen Genuntersuchung immer noch feststellen, ob
der Fötus erkrankt ist oder nicht.
All diese Tatsachen reduzieren die Chancen, dass ein Mädchen an ALD erkrankt auf fast Null.
Aber eben nur fast. Ein Restrisiko bleibt immer !
Neuere Erkenntnisse ergaben erstaunlicherweise, dass auch bei Frauen ALD zu tragen kommen kann. Da man früher der Meinung war, dass Frauen aufgrund der genetischen Voraussetzung unmöglich an ALD erkranken können, diagnostizierte man bei Frauen mit ALD-ähnlichen Symptomen MS. Heute scheint man zu wissen, dass diese Frauen womöglich an der Erwachsenen-Form von ALD leiden. Weshalb dies überhaupt möglich ist, wirft viele Zweifel auf.
Vermutet wird dabei eine Dominanz des ALD-Gens auf dem einen X-Chromosom, was bedeutet, dass das gesunde Gen, das das SKLF-Enzyme ausbilden sollte und auf einem der zwei X-Chromosomen der Frau sitzt, schwächer ist als das ALD-Gen auf dem anderen der beiden X-Chromosomen. Eine SKLF-Enzym-Produktion ist folglich alleine wegen der Dominanz des ALD-Gens nicht mehr möglich. Dies ist eine neue Betrachtung, die die obgenannten Behauptungen relativiert und in ein anderes Licht rückt.
1981 bewies B. Migeon, das sich das ALD-Gen in der Xq28-Region des X-Chromosoms befindet.
Die Position des Gens an sich wurde allerdings noch nicht ausfindig gemacht.
Da das Gen, das das ALD-Protein codieren sollte, fehlt oder defekt ist, kann auch keine
Proteinbiosynthese des ALD-Proteins erfolgen. Das bedeutet wenn die RNS den DNS-Strang durch Transkription (Umschreibung) kopiert und zu den Ribosomen wandert, dann hat sie keinen
Abdruck vom ALD-Protein-Gen genommen. Daher kann auch keine Translation   (Übersetzung)
der entsprechenden Genstelle durch die Überträgermoleküle durchgeführt werden. Es bildet sich
keine entsprechende Aminosäurekette die zum ALD-Protein  und somit zum SKLF-Enzym werden kann.Untersuchungen haben ergeben, dass der Defekt des ALD-Gens unterschiedliche Merkmale haben kann. Wissenschaftler in Neuseeland fanden heraus, dass eine Mutation des vierten Exons  des ALD-Gens (C2203T) den Übersetzungsvorgang (Translation) von der Boten-RNS zu den Überträgermolekülen behindert. Ein Gen besteht ja bekanntlich aus Introns, den nichtcodierten Sequenzen, und Exons, den codierten Sequenzen. Norwegische ALD-Forscher, die ihrerseits zwei eineiige Zwillinge, die an ALD erkrankten, untersuchten, stellten verblüffenderweise fest, das die Mutation des achten Exons des ALD-Gens unterschiedliche klinische Phänotypen von ALD hervorruft. Dabei zogen sie die Schlussfolgerung, dass ein nicht erbbedingter Faktor eine entscheidende Rolle bei der Ausbildung von ALD-Phänotypen (Erscheinungsformen) einnimmt.
Dagegen untersuchten Ärzte in Frankreich die Mutation des zehnten Exons des ALD-Gens.
Resultate stehen hier noch aus.
Die Xq28-Region des X-Chromosoms ist nicht nur "Heimat" des ALD-Gens. Neueren
Untersuchungen zur Folge soll das rot/grün-Pigment-Ausbildungs-Gen in naher "Nachbarschaft"
des ALD-Gens liegen. In gewisserweise konnten auch einige Verbindungen ausfindig gemacht
werden. Diese Tatsache könnte den Wissenschaftler helfen, das ALD-Gen endlich zu lokalisieren.
Ist es nämlich lokalisiert, so kann man mit Hilfe der Gentechnologie ein gesundes ALD-Gen
isolieren und Organismen, wie beispielsweise Bakterien, dazu bringen ALD-Proteine und somit
SKLF-Enzyme auszubilden. Diese könnten dann ALD-Patienten injiziert werden.

1.3 Folgen von ALD

1.3.1 primäre Folgen von ALD - Myelinschäden

Wie schon unzählige Male erwähnt, hat die Anreicherung von sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren
eine entmyelinisierende Wirkung zur Folge, das bedeutet: die Myelinscheide, eine aus fettartigen
Substanzen und aus Eiweissstoffen bestehende Hülle, beginnt sich aufzulösen. Die Myelinscheide
umhüllt die Axons (auch Achsenzylinder genannt), die Fortsätze der Nervenzellen, die zur
Weiterleitung von Nervensignalen dienen. Myelin hat die Aufgabe die Nervenfasern elektrisch zu
isolieren und somit die Fortleitung der Nervensignale zu beschleunigen.
Detailliert beschrieben, besteht jede Nervenzelle aus einem Zellkörper, der zwei Arten von
Ausläufern besitzt: die Dendriten, verästelte Fortsätze, die Nervensignale empfangen und das
Axon, eine meist sehr lange Faser, die Signale vom Zellkörper weg zu anderen Zellen leitet. Die
Membran, die die Nervenzelle und all ihre Fortsätze umgibt, hält zwischen Innen- und Aussenseite
eine Spannungsdifferenz aufrecht. Im Ruhestand befinden sich im Zellinnern mehr positiv geladene
Kalium-Ionen als aussen. Dabei befinden sich an der Zellaussenseite reichlich positiv geladene
Natrium-Ionen (geladene Teilchen). Unter bestimmten Bedingungen öffnen sich Kanäle in der
Membran und die Natrium-Ionen strömen ins Zellinnere. Dabei kehrt sich die Spannungsdifferenz
an der Membran um. Man sagt auch: Die Membran wird depolarisiert. Anschliessend strömen die
Kalium-Ionen nach aussen, was die Spannungsdifferenz wieder auf den Normalwert drosselt. Dabei kann sich die Änderung der Spannung längs der Nervenfaser  fortpflanzen. Die
Spannungsänderung ist das eigentliche Nervensignal. Fehlt die Myelinhülle, so bilden
vorübergehende Ionenflüsse Stromkreise, die für eine Spannungsdifferenzumkehr  (Depolarisation)
sorgen. Dabei wandert das Signal über die gesamte Nervenfaser, und nicht stückweise wie bei den von der Myelinhülle umschlossenen Fasern. Das heisst: in Nervenfasern, die von einer Myelinhülle
umgeben sind, kann das Nervensignal von einer Einschnürung der Myelinhülle auf eine andere
springen. Dabei wird es viel schneller übertragen als bei Nervenfasern, denen keine Myelinschicht
ist. Dies mag erklären, wieso eine fehlende Myelinhülle unkontrollierte Muskelbewegungen und
Beeinträchtigungen der Gehfähigkeit hervorrufen.
Wie die Anreicherung von sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren die Myelinhülle beschädigt ist
noch weitgehend unklar. Man weiss jedoch, dass sich die Myelinhülle bei der Geburt noch nicht
ganz ausgebildet hat. So lange der Organismus wächst muss neues Myelin gebildet werden. Weiter weiss man, dass die Myelinhülle zu 75% aus fettartigen Substanzen besteht. Sie benötigt in ihrer
Aufbauphase demnach Fette. Man nimmt an, dass die Anreicherung von sehrlangkettig-gesättigten
Fettsäuren im Gehirn die Myelinhülle in ihrer Aufbauphase stört. Dabei nehmen  SKLF den Platz von myelinbildenden Fetten ein. Einfach ausgedrückt, nehmen die nicht myelinbildenden
SKLF den myelinbildenden Fetten den Platz weg. Somit kann sich keine funktionsfähige
Myelinhülle aufbauen. Dies erklärt auch die Tatsache, wieso bei erkrankten Knaben die Symptome erst etwa im fünften Lebensjahr zur Geltung kommen. Solange der ALD-kranke Junge mit der von
Geburt an befindlichen Myelinhülle lebt, sind keine Symptome erkennbar.
Sobald aber die Aufbauphase der Myelinhülle beginnen sollte, bildet sich aufgrund der "störenden
Fettsäuren" keine funktionsfähige Myelinhülle. Anders formuliert: Der Organismus und das Gehirn
wachsen, die Myelinsubstanz bleibt aber mengenmässig so gross wie bei der Geburt.
Abschliessend kann behauptet werden, dass eine unzureichende Abdeckung von Myelin die
Übertragung der Nervensignale verlangsamt und somit Steuermechanismen im Körper
beeinträchtigt.
Eine Organisation mit Namen Das Myelin Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, Forschungsarbeiten in
bezug auf die Regeneration von Myelin zu unterstützen und zu finanzieren und betroffenen
Personen seelischen Beistand zu leisten. Dabei muss man allerdings anmerken, dass ALD-Patienten nicht die einzigen sind, die an Myelinschwund leiden. Auch MS-Kranke leiden an diesem teuflischen Gehirnauflösungsprozess.
Hier muss man betonen, wenn das Myelin einmal zerstört ist, kann es sich nicht selbst
wiedergenerieren. Zumindest gelang es noch keinem Forscherteam, einen Organismus Myelin nach einer Zerstörung herstellen zu lassen. Auch eine Transplantation schlug fehl. An der Erreichung
dieses Zieles arbeiten aber eine Reihe von Wissenschaftler. Koordiniert werden diese von der
Organisation, die myelingeschädigte Patienten und deren Familien moralisch und finanziell
unterstützt, dem Myelin Projekt, mit Zweigstellen in vielen Staaten.
Ich habe versucht, die Zweigstelle des Myelin Projektes in Deutschland telefonisch, per Fax,
brieflich und mit Hilfe elektronischer Post zu kontaktieren. Jedoch ohne jeden Erfolg. Es wäre
sicherlich hilfreich gewesen, deren Unterlagen zu durchforsten, besonders um persönliche
Schicksale kennenzulernen.

1.3.2 sekundäre Folgen von ALD - Gehör-, Seh-, Sprechstörungen etc.

Wie im vorherigen Kapitel schon eingehend beschrieben, bewirkt eine Fettanreicherung im Gehirn
einen Myelinschwund, der wiederum eine Art Kurzschluss zur Folge hat, so dass die Nervensignale nicht mehr korrekt weitergeleitet werden können. Da sich der Myelinschwund stufenweise bemerkbar macht, wirkt er sich erst als einfache Aggressionen aus. Die Aggressionsausbrüche werden dann immer heftiger, so dass man den ALD-Patienten als hyperaktiv bezeichnen könnte. Im Unterschied zu einfachen Verhaltensstörungen verliert der ALD-Patient nur kurze Zeit nach Bemerkbarmachung der Krankheit seinen sicheren Gang. Immer wieder wird er von Krämpfen heimgesucht, die manchmal Stunden andauern können. Begleitet werden diese Symptome erst von Gehörschäden, dann von Stummheit und schliesslich vom Verlust des Augenlichts. ALD-Patienten leiden oft auch unter Schluckstörungen.
Ein halbes Jahr nach Diagnosestellung treten zuerst Lähmungserscheinungen der Beine und Arme
auf und später befallen dieselben sogar den ganzen Körper. Im Endstadium der Krankheit fallen die ALD-Jungen ins Koma und werden innerhalb weniger Wochen vom Tod eingeholt. An dieser
Stelle muss man anmerken, dass seitdem man Lorenzos Öl bei der ALD-Behandlung einsetzt, die
obengenannten Symptome und Erscheinungen nur noch selten auftreten. Der sonst zwingende Tod
nach höchstens 2 Jahren nach Diagnosestellung wird verhindert oder hinausgezögert.

1.4 Lösungsansätze für die Heilung von ALD

1.4.1 Knochenmarktransplantationen

Zur Zeit gilt die Lorenzos Öl-Therapie als verheissendste Heilungschance für ALD-Patienten. Das
hindert aber ALD-Forscher nicht daran, auch andere Heilungsmethoden zu untersuchen, vor allem
seit bekannt ist, dass die Lorenzos-Öl-Therapie langfristig gesehen an Wirkung verliert. Nebst
Immunosuppression (Abwehrunterdrückung), Plasmaaustausch und einer Reihe Diäten scheinen
die Forschungen auf dem Gebiet der Knochenmarktransplantationen (KMT) erste Früchte zu
tragen. Momentan stützen sich die Erfolgsmeldungen auf einen 8-jährigen Jungen aus Frankreich,
bei dem in Folge einer Knochenmarktransplantation die SKLF-Werte nach 18 Monaten auf die
Normalkonzentration gesunken waren.

1.4.2 Die Hoffnung naht ... - Öl-/Erucasäure-Therapie (Lorenzos Öl)

Wie schon einige Male erwähnt, sind die sehrlangkettig-gesättigten Fettsäuren für den ALD-
Patienten schädlich. Aus diesem Grunde glaubte man anfänglich, durch den Entzug dieser
Fettsäuren aus der Nahrung den Myelinschwund stoppen zu können. Dabei schlug man aber fehl,
da der Organismus durch Biosynthese bei SKLF-Mangel dieselben selbst produziert (>Kap. 1.1.2). Dabei muss man anmerken, dass die Entdeckung der Biosynthese von ALD  auf    Augosto   Odone, Vater eines ALD-kranken Kindes und ALD-Laienforscher, zurückzuführen ist (>Kap. 2.1).
Augosto Odone tätigte diese Entdeckung, gestützt auf einer Rattenstudie aus Polen aus dem Jahre
1977, die eine Fettsäurebiosynthese bei Ratten beschrieb.
Die weitere Aufgabe des Laienforschers bestand nun darin, einen Weg zu finden, wie diese
Biosynthese zu unterdrücken sei. Auf einem ALD-Symposium erfuhren die Odones, dass Ölsäure
(C18) die gewünschte Wirkung erzielen würde. Ölsäure sollte nämlich eine kompetitive Hemmung
bewirken. Das bedeutet: Ölsäure wird vom gleichen Enzym aufgebaut, wie sehrlangkettig
gesättigte Fettsäuren abgebaut. Dabei kann also eine Verabreichung von Ölsäure, das SKLF-
Aufbau-Enzym (nicht zu verwechseln mit dem SKLF-Enzym, das SKLF abbauen  sollte und ja
bekanntlich bei ALD Patienten fehlt oder defekt ist) ablenken, so dass es keine SKLF mehr
aufbaut.
Bei der Fettsäurendiät, der ALD-Erstlingstherapie, wurden alle sehrlangkettigen Fettsäuren der
Nahrung entzogen, da man erstens nicht wusste, welche Fettsäuren schädlich wirkten, und auch
nach der Erkenntnis dieser Tatsache, eine Fettsäuretrennung technisch schlicht nicht
bewerkstelligen konnte.
Dabei muss man vielleicht anmerken, dass nur im Film "Lorenzos Öl" von einer kompetitiven
Hemmung die Rede war. Die wissenschaftliche Literatur schwieg sich ausnahmslos darüber aus. Es heisst sogar: "Es ist bis anhin unbekannt, wieso die Verabreichung von Erucasäure von Nutzen ist,
um die Anreicherung von gesättigten SKLF im Plasma zu drosseln..." 3 Das bewog mich
anzunehmen, dass die Heilungswirkung von Ölsäure womöglich noch gar nicht wissenschaftlich
belegt werden konnte, dass sie vielleicht nur durch Zufall entdeckt wurde und noch heute Rätsel
aufwirft. Weiter fand ich es merkwürdig, dass dieses SKLF-Abbau-Enzym, das ebenfalls das
langkettige Fettsäurenaufbauenzym sein sollte, nirgends vermerkt wurde. Auch logisch gesehen
machte es keinen Sinn, ausser man argumentiere mit der "Weisheit der Evolution". Demnach kann
es möglich sein, dass die Evolution in gewisserweise eine "Schutzvorrichtung" einbauen wollte, um
Menschen, für die sehrlangkettige gesättigte Fettsäuren schädlich sind, einen Schutz zu bieten.
Denn ein anderer Grund, wieso bei der Vielzahl von Enzymen gerade der LKF (langkettige
Fettsäuren)-Abbau und der SKLF-Aufbau von ein und dem selben Enzym verrichtet werden sollte, gibt es nicht. Das hört sich doch ein wenig überspitzt an, denn wieso sollte die Evolution gerade an ALD-Patienten gedacht haben, eine so seltene Krankheit, und weit verbreitetere Krankheiten einfach so vernachlässigt haben ?! Genauso wie es wissenschaftlich falsch wäre, sich nur auf eine Quelle zu beziehen, und die stammt noch aus der Feder eines Hollywood- Drehbuchautoren ! Wir nehmen also zur Kenntnis, dass Ölsäure eine heilende Wirkung auf ALD hat! Nach allem hatte Ölsäure (C18) nur eine 50 prozentige Wirkung. Eine zusätzliche Verabreichung von Erucasäure (C22) (Wie erinnern uns: schädlich sind die Fettsäuren für einen ALD-Patienten nur ab C22) steigerte aber den Wirkungsgrad auf 100 Prozent. Erklärt wurde dies wiederum damit, dass SKLF doppelt so schnell aufgebaut, wie Ölsäure abgebaut wird. Da Erucasäure nun aus 22 Kohlenstoffatomen besteht (also vier Kohlenstoffatome mehr als die Ölsäure) ist das Enzym länger mit dem Erucasäureabbau beschäftigt, demnach auch länger abgelenkt. Somit werden auch weniger SKLF durch Biosynthese produziert.
Letztlich ergab eine Mischung dieser beiden Öle das bekanntgewordene Lorenzo Öl.
Das besteht aus dreierucischem  Glyceryl. Dieses Öl ist eine synthetische triglycerid-Form  der
Erucasäure, welche ursprünglich aus SKLF-losem hochkonzentriertem Erucasäure-Rapsöl
gewonnen wurde. Nur die triglycerid-Form der Erucasäure ist für den Menschen geniessbar, alles
andere würde schwere Herzschäden verursachen. Das dreierucische Glyceryl besteht seinerseits aus 92% C22:1 (reine Erucasäure). Gemischt wurde dieses Öl mit dreiölischem Glyceryl, die essbare Form der Ölsäure. Die entstandene Mixtur war eine goldene Flüssigkeit, bestehend aus 18% C22:1 (Erucasäure), 76% C18:1 (Ölsäure), 3% C24:1 und 2% C20:1. 5C24:0 und C26:0 sind natürlich nicht enthalten. Diese Mixtur ist besser bekannt unter dem Namen Lorenzos Öl. Lorenzos Öl kann bei allen ALD-Phänotypen (kindliche ALD und Erwachsenen-ALD, auch AMN genannt) eingesetzt werden.
Studien einiger Wissenschaftler in den 90-er Jahren ergaben, dass Lorenzos Öl die C24 und C26
Plasmawerte von ALD-Patienten normalisiert. Vorsichtshalber sprachen sie noch von einem
Lösungsansatz für eine wirkungsvolle ALD-Heilung. Sie wussten nicht wie Recht sie behalten
sollten. Studien neueren Datums ergaben merkwürdigerweise, dass Lorenzos Öl erstaunliche
Ergebnisse bei nichtsymptomatischen ALD-Patienten erzielt, bei symptomatischen dagegen
enttäuschende wenn nicht ernüchternde Resultate aufwies. Lorenzos Öl ist keineswegs ein
Wundermittelchen, dass nun ALD-Patienten heilt, es ist ein Lösungsansatz in die richtige Richtung.
Von einer vollständigen Heilung darf zur Zeit (1996) nicht gesprochen werden.
Aus diesem Grunde sind Kapitel 2.2.1, 2.2.2 und 2.3 noch immer aktuell.

1.5 Mit ALD verwandte Krankheiten

Kurz gesagt sind alle peroxisomalen Krankheiten, verwandt mit ALD. Peroxisomale Krankheiten
werden in drei Kategorien eingeteilt:

A. Krankheiten,  bei  welchen  die morphologisch (formenmässig) charakteristischen Peroxisomen
(Nur-Katalase-Teilchen genannt)  Mängel  aufweisen  und  die meisten peroxisomalen  Funktionen (normale Aufgaben der Peroxisomen) beeinträchtigt  sind. Diese Kategorie  von Krankheiten beinhaltet das Zellweger-Syndrom,  die infantile (kindliche)  Refsum-Krankheit  und pränatale (vorgeburtliche) Adrenoleukodystrophie.

B. Krankheiten, bei welchen die Nur-Katalase-Teilchen vorhanden sind, bei  denen aber  einige
peroxisomale Funktionen  beeinträchtigt  sind. Die  rhizomelische  Chondrodysplasia  punctata
(Knorpelansatzplasma-Flüssigkeitsentzug-Krankheit)  und  das  Zellweger-ähnlich-
Syndrom gehören in diese Kategorie.

C. Krankheiten, bei welchen nur ein einziges peroxisomales Enzym  mangelhaft  funktioniert.
Diese Kategorie beinhaltet Krankheiten, die  an  Mängel der folgenden  Enzyme  charakterisiert
werden: peroxisomale sehrlangkettige Acyl-CoA Synthetase (X-Chromosomengebundene
Adronoleukodystrophie); Acyl-CoA Oxidase (pseudo-neonatales ALD; unechtes vorgeburtliche
ALD) ; zweifunktionales Eiweiss ; peroxisomale 3-oxoacyl-CoA (unechtes Zellweger-Syndrom) ;
Alanin ; glyoxylate  Aminotransferase  (Hyperoxalurie; Oxalsäurenüber-ausscheidungskrankheit Typ A) und Katalase (Acataläsimie).

2.0 Menschliche Betrachtung

2.1 Die Geschichte des Lorenzo Odone

1978 kam Lorenzo Odone als Sohn eines italienischen Ehepaares auf den Komoren zur Welt.
Lorenzos Vater, Augosto Odone, war für die Weltbank tätig und musste demnach viel reisen. 1983 zogen die Odones in die Vereinigten Staaten, wo ihr Glück nur von kurzer Dauer war. Nur einige Monate nach dem Umzug wurde Lorenzo aggressiv. Seine Lehrer erklärten sein Verhalten für hyperaktiv, was seine Mutter, Michaela Odone, aber strikt von sich wies, da sie Lorenzos Verhalten als klar zielgerichtet bezeichnete. Aufgrund der gestörten Ausbrüche des Jungen waren die Lehrer gezwungen Lorenzo in ein  Sondererziehungsprogramm zu integrieren. Die Mutter lehnte das aber entschieden ab und unterrichtete von nun an ihren Sohn zu Hause. Doch dies erwies sich für die Mutter als immer schwerer. Lorenzo verlor des öfteren das Gleichgewicht und stürzte zu Boden (>Kap. 1.3.2). Die Untersuchung einer Kinderärztin ergab, dass er neurologisch vollkommen gesund sei und dass es sich nicht wie von den Odones befürchtet, um einen Parasiten handeln konnte, den sich der Knabe auf den Komoren eingefangen hätte. Als dann Lorenzos Gehör nachliess, untersuchte ein HNO-Spezialist den Jungen, und diagnostizierte eine
Gehörentwicklungsstörung. Doch das Ehepaar Odone begnügten sich nicht mit dieser Diagnose
und meldete Lorenzo an einer gründlichen Untersuchung in der Kinderklink von Washington DC
an. An diesem Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte 1984 die dazumal unheilbare
Nebennierenentmarkungskrankheit ALD. Die Ärzte von der Kinderklinik konnten nichts weiter tun als die Familie an Dr. Nikolais, einem anerkannten ALD-Spezialisten, weiterzuleiten. Dieser führte
zu jener Zeit eine Diätstudie an ALD-Betroffenen durch, die aber noch keine Früchte trug. Nikolais klärte Michaela Odone darüber auf, das Lorenzo die Krankheit unweigerlich von ihr geerbt haben muss (>Kap. 1.2). Diese Tatsache belastete insbesondere Lorenzos Mutter, da sie sich in gewisserweise Schuldgefühle zuschob (>Kap. 2.2.1). Nikolais Fettsäurediät, war wie schon beschrieben, ein Reinfall. Anstatt die Fettsäuren zu reduzieren, nahmen deren Gehalt nur noch zu.
In Boston sollte Lorenzo einer Immunosuppressionstherapie unterzogen werden. Diese brachen
seine Eltern aber ab, als sie einsahen dass ihr Sohn nichts weiter als ein Experimentierobjekt war.
Mit den Odones setzte sich bald darauf die ALD-Stiftung in Verbindung. Diese Stiftung sammelt
Spenden, organisiert Beratungsstellen und verleiht den Eltern ALD-kranker Kinder das Gefühl
nicht allein zu sein. Als die Odones an einer solchen ALD-Konferenz teilnahmen erbrachten sie
den Einwand, niemand würde an die Kinder denken.
Das einzige Ziel, das die ALD-Stiftung ihrer Meinung nach hatte, war das Befinden der Eltern zu
verbessern. In Folge dieser Konferenz beschlossen Augosto und Michaela ihr Schicksal in die
eigenen Hände zu nehmen und mehr über ALD zu erfahren. Ihre Recherchen in Bibliotheken und
Universitäten trugen schon nach kurzer Zeit Früchte. Der Mutter Lorenzos gelang es eine Antwort
darauf zu finden, wieso ein Fettsäureentzug aus der Nahrung, den Fettanteil im Gehirn nicht
drosselt sondern anhebt. Eine polnische Rattenstudie lieferte die Antworten hierfür. Das
Losungswort war schlicht: Biosynthese. Da der Organismus bei Fettentzug aus der Nahrung selbst
Fettsäuren herstellt, reichern sich trotz Diät Fettsäuren im Gehirn an. Angetrieben von diesen
Erfolgen drängten die Odones Prof. Nikolais, ein ALD-Symposium durchzuführen. Die staatlichen
Zuschüsse blieben jedoch aus(>Kap. 2.3). Nikolais begründete das wie folgt: "Wissen sie wieviel
Menschen jährlich in den Vereinigten Staaten an Pommes Frites ersticken. Wesentlich mehr als an
den Folgen von Adrenoleukodystrophie." 7Dem zum Trotz liessen sich Augosto und seine Frau
nicht unterkriegen und stellten die finanziellen Mittel für das Symposium selbst zur Verfügung
(>Kap. 2.3). An diesem Symposium erfuhren die Odones 1984, dass ein anderer amerikanischer
Wissenschaftler an einer Fettsäuremanipulation arbeitete, bei der die Fette der Nahrung entzogen
werden und sogleich die Biosynthese unterdrückt wird (>Kap. 1.4.2). Die Odones fingen sofort mit der Ölsäure-Therapie an und konnten nur vier Monate später einen 50 prozentigen Rückgang der Fettsäurenanreicherung im Gehirn Lorenzos erkennen. Ihre Euphorie wurde aber gedämpft, als es nur bei dem 50 prozentigem Rückgang blieb. Lorenzo Zustand verschlechterte sich immerfort und seine Eltern beschlossen, er solle in einer Sterbeklinik seine letzte Ruhe finden. Trotz den
niederschmetterten Resultaten der verheissungsvollen Fettsäuremanipulationstherapie und der
psychischen Lage in der sich die Odones befanden, beschlossen diese wieder in die Bibliotheken zu gehen und weitere Lösungen zu suchen. Eines Nachts hatte Augosto eine Vision (dies könnte ein filmischer Kunstgriff sein). Aus irgendeinem Grunde (>Kap. 1.4.2) wirkte die Ölsäure nur zu 50 Prozent. Einigen biochemischen Tatsachen zu Grunde (>Kap. 1.4.2) zog Augosto den Schluss, dass eine zusätzliche Verabreichung von Erucasäure das Problem zu lösen vermochte. Da aber die
Herstellung von Erucasäure mit grossem Aufwand verbunden war, fand sich zuerst niemand, der
die chemische Pionierarbeit leisten wollte. Vor allem auch aus dem Grunde, da es vollkommen
unrentabel wäre. Letztlich fand sich aber ein Kosmetika-Chemiker in London, der in seinem
Lebensabend sagen wollte, nicht nur Frauen zu Schönheit sondern auch Kinder zum Leben
verholfen zu haben. Nur kurze Zeit nach Einführung der Öl-/Erucasäure-Therapie, die unter dem
Namen Lorenzos Öl berühmt wurde, war Lorenzo auf dem Besserungsweg. Als er wieder sehen,
mit Hilfe eines Synthesizers Laute von sich geben konnte und seine Gliedmassen wieder
beschränkt bewegen konnte, setzten die Odones all ihre Kraft ein, um nun auch das Myelinproblem zu lösen (>Kap. 1.3.1). Hierfür gründeten sich das Myelin Projekt. 1992 drehten die Universal Studios fasziniert von dem Manne, der kein Wissenschaftler war und doch seinem totgeschriebenen Sohn ein Heilmittel erfand, den Film "Lorenzos Öl". Der Film verhalf der Adrenoleukodystrophie zu einer weltweiten Bekanntschaft.
Im Frühjahr 1997 konnte ich auch ein gewisses Interesse für ALD in der Schweiz beobachten. Ein
Privatsender aus Zürich berichtete über einen von sechs bekannten ALD-Fällen in der Schweiz, von Florian Wiesler aus Zürich, gewissermassen der "Schweizer Lorenzo". Auch Florian wurde mit Lorenzos Öl behandelt.

2.2 tertiäre Folgen von ALD

2.2.1 emotionale Probleme

Dieses Kapitel behandelt ALD als Krankheit, die unheilbar ist. Auch das Vorhandensein der
Therapiemöglichkeit mit Lorenzos Öl garantiert nicht ein normales Leben, sondern im besten Fall
verlängertes. Wichtig ist zu bezeichnen, dass die emotionalen Stadien, die man nach der Diagnose
von ALD durchläuft, vor und nach der Entwicklung von Lorenzos Öl fast identisch sind. Das soll
aber nicht weiter verwirren.
Bei allen unheilbaren Krankheiten (müsste man ALD korrekt beschreiben, so würde man wohl
sagen ALD sei "halbunheilbar", was auch immer das bedeuten mag) durchlaufen die Betroffenen
zuerst Schock, dann Verleugnung, Wut, Depression und schliesslich Akzeptierung8.
Es ist wichtig anzumerken, dass ALD nicht nur körperliche sondern auch geistige Probleme mit
sich bringt, jene geistigen Probleme, die viele Ärzte nicht als solche anerkennen. Wenige wissen,
was in Menschen vorgeht, die wissen, ihr Leben, wird nie mehr so sein wie vorher. Für die ALD-
Jungen, die ja schon mit 5 Jahren erkranken, ist der psychische Schmerz genauso gross, wie bei
ihren Eltern, die zusehen müssen, wie ihr Kind von Tag zu Tag seine Körperfunktionen verliert.
Sicherlich trug Lorenzos Öl dazu bei, neue Hoffnungen aufzubauen, und die Ausweglosigkeit zu
dämpfen, doch gelöst ist das Problem mit dem "Amateur-Ölchen" noch lange nicht, auch wenn die
Gründe hierfür nicht bekannt sind. So werden auch heutzutage Menschen, die eine ALD-Diagnose
vernehmen werden, emotionale Schwankungen durchlaufen.

2.2.2 sozial-familiäre Probleme

Wie immer wenn Menschen von Krankheiten befallen werden, bilden die Betroffenen einen Kokon um sich, sie schotten sich ab und brechen Kontakte zu Freunde und Verwandten ab. Menschen, die sich in emotionalen Tiefen befinden, sind nicht in der Lage, soziale Kontakte zu pflegen. Vor allem die Nichtbetroffenen haben Mühe mit denjenigen umzugehen, denen das Schicksal einen Strich durchs Leben zog. Viele bevorzugen es demnach, mit Menschen in emotionalen Tiefen nicht
übermässige Bindungen einzugehen, natürlich auch, um keine Fehler zu begehen. Oft machen es
die Betroffenen der Umwelt nicht leicht. Ihre abneigende Haltung und Reizbarkeit lässt viele
Menschen, die ihnen einst nah standen, auf Distanz gehen. Besonders schmerzlich sind die
gegenseitigen Beschuldigungen und Eigenvorwürfe. Ehepaare, die Schweres durchmachen, gehen
letztlich in der Zeit, in der sie sich am meisten brauchen würden, auseinander. Bei ALD ist es
bekannt, dass vor allem Väter nach Diagnosestellung von ALD das Weite suchten. Die Eltern
können sich nicht mehr berühren und befremden sich. Die finanziellen Probleme erleichtern die
Situation nicht gerade. Zwar könnte man meinen mit Lorenzos Öl sei eine hundertprozentige
Heilung von ALD garantiert, da dies aber weitaus verfehlt ist, bleiben auch heute jene sozial-
familiären Probleme nicht aus. Noch immer gilt ALD als "unheilbar", da man es nicht vollständig
bekämpfen kann. Uns wird es sicher bekannt sein, dass auch Krankheiten, die heute als
"Nullproblem" oder "Lappalie" bezeichnet werden, emotionale Probleme hervorrufen können.

2.3 Das Problem mit seltenen Krankheiten

Seltene Krankheiten - wie ALD - nur gerade jeder 500'000ste hat sie - in der Schweiz sind sechs
Fälle bekannt -, sind oft mit vielen Problemen verbunden. So rechtfertigt die geringe Zahl der
Erkrankungen in den meisten Fällen keine staatlichen Zuschüsse, somit Forschungsgelder und
Heilungsschancen. Oft existieren nur spärliche Informationsquellen, wenn überhaupt, und an
Wissenschaftler, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben, mangelt es ebenfalls. Oft sind Leute, die an seltenen Krankheiten leiden, oder Fälle in der Familie haben, mit ihren Problemen alleine, da viele Ärzte und Psychologen, sowie der grösste Teil der Bevölkerung keine Ahnung haben, von
was man spricht. Das hat zur Folge, dass man zum Teil auch missverstanden wird, dass Menschen
aus Unverständnis die eigene Krankheit verharmlosen. Patienten, die an seltenen Krankheiten
leiden, sind demnach unweigerlich dem Tode geweiht, da niemand an der Erforschung ihres
Leidens arbeitet. ALD, als eine der seltensten Krankheiten überhaupt, wäre der typische Kandidat für eine solch' nie erforschte Krankheit geworden, wäre da nicht ein couragierter Vater eines ALD-kranken Kindes gewesen. Er, der als Laie, das Rätsel der Krankheit zu lösen versuchte. Dies beweist doch nur, dass jene Wissenschaftler, die an der Erforschung von ALD arbeiteten nicht voller Tatendrang und Effizienz an die Sache herangingen, denn wie erklärt sich sonst, dass ein Laie in ein paar Monaten, dass schaffte was eine Handvoll Wissenschaftler in zehn Jahren nicht zu schaffen vermochte. Die Errungenschaften von Augosto Odone sind in bezug auf ihre Wirksamkeit ja bekanntlich trotzdem zweifelhaft. Waren die eigene Betroffenheit und der starke Wille Drang genug, um zu versuchen, das ALD-Rätsel zu lösen, oder forschten die Wissenschaftler aus Geld- und Motivationsmangel bloss vor sich hin ?! ALD sollte für viele ein Beispiel sein, dass gegen viele seltene Krankheiten Heilung gefunden werden könnte, forsche man nur reichlich intensiv. Das Argument von wegen selten kann nicht toleriert werden, denn letztlich haben alle Menschen das Recht auf Leben?! Für ethische Betrachtungen bleibt mir leider kein Platz mehr.

Nachwort

Ich hoffe, dass man auch wenn ALD eine komplexe und sehr schwer durchschaubare Krankheit ist, verstanden hat, was ich mit dieser Arbeit aussagen wollte. Es war nicht leicht, die
widersprüchlichen Quellen zu werten und in englisch- und deutschsprachiger Fachliteratur nach
Antworten zu suchen. Die aktuellsten Berichte entnahm ich einer medizinischen Datenbank aus
dem Internet. Sollten Informationen dem zum Trotz veraltet oder schlicht falsch sein, so bitte ich zu
berücksichtigen, dass alle Informationen der Literatur, dem Film und dem Internet entstammen.
Dort wo mir Argumentationen zu aus der Luft gegriffen erschienen, habe ich meine persönlichen
Kommentare abgegeben. Das Geschriebene erscheint manchmal ein wenig widersprüchlich. Allen
Problemen zum Trotz bin dennoch froh, dieses Thema behandelt zu haben, denn es war eine grosse Herausforderung für mich.
Ich hoffe diese Arbeit bringt einen Funken Licht hinter die Schattenseiten der Krankheit ALD, die
auch heute noch so unerforscht ist, wie keine zweite, auch wenn Grundüberlegungen gefestigt sind.
ALD ist eine Krankheit, die das Unglück hat, selten zu sein, und darum weniger beachtet als AIDS oder Krebs. Dabei vergisst man aber, dass auch an ALD Menschen sterben !

Joni Kreutner, 1997

Quellenangabe

- Abitur Wissen Biologie, Lense, Frankfurt am Main 1992
- Abitur Wissen Chemie, Glöckner, Frankfurt am Main 1992
- Adrenoleukodistrophy and other peroxisomal disorders, Uziel / Wanders / Cappa,
  New York 1990
- Biologieunterlagen
- Der Chemie Schülerduden, Engesser, Mannheim 1988
- Gehirn und Nervensystem, Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1988
- Genetik in Cartoons, Gonick / Wheelis, Berlin 1989
- Lorenzos Öl, Drehbuch: Miller / Enright, Universal City Studios Inc. 1992
- Medline Information, 1990-1996, runtergeladen vom Internet 1997
- Multiple Sklerose, Rosner / Ross, Hamburg 1996
- Natura, Fehrmann / Wiemers, Stuttgart 1991
- Prinzipien der Biochemie, Lehniger / Nelson / Cox, Berlin 1994
 

(c) Alle Rechte vorbehalten, Joni Kreutner 1998

 
                                               Copyright by Joni Kreutner 1999